“Platz 66 ist nicht unser Anspruch”

Markt / 29.06.2026 • 19:00 Uhr
"Platz 66 ist nicht unser Anspruch"
Forschung und Entwicklung in Vorarlberg sind auf einem hohen Niveau, die Industriellenvereinigung sieht Verbesserungspotenzial bei der Umsetzung.APA

Industriellenvereinigung vergleicht Regionen: Erste wirtschaftspolitische Maßnahmen greifen, doch “Standort Vorarlberg muss sich ranhalten”.

Bregenz, Altach Pünktlich zum Beginn der zweiten Jahreshälfte sehen die österreichischen Wirtschaftsforscher wieder Licht am Horizont. Nachdem die Prognose, welche sie zu Jahresbeginn stellten, durch den Krieg in Nahost pulverisiert wurde, könnte die Wirtschaft nun nach der neuesten Prognose des Institutes für Höhere Studien (IHS) und des Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) heuer doch noch um 0,9 Prozent wachsen und Österreich damit am Ende besser abschneiden als Deutschland.

"Platz 66 ist nicht unser Anspruch"
Industriellenvereinigung-GF Simon Kampl (li.) und Präsident Elmar Hartmann: Die großen Themen müssen endlich angegangen werden.” VN/Paulitsch

Beim traditionellen Sommerempfang am Montag zieht auch die Vorarlberger Industriellenvereinigung vor rund 350 Gästen Zwischenbilanz. Was Elmar Hartmann, Präsident der IV Vorarlberg, feststellt, ist immerhin “eine Veränderung zum Besseren”, was die Wirtschaftspolitik im Land und Bund angeht. Doch allzu viel loben will er noch nicht. Denn: “Andere Regionen verbessern sich deutlich schneller”, stellen Präsident und IV-Geschäftsführer Simon Kampl fest und verlassen sich dabei nicht auf ihr Gefühl, sondern haben auf Grundlage des Regional Competitiveness Index (RCI) der Europäischen Kommission, der alle drei Jahre rund 70 Indikatoren für 234 Regionen vergleicht, analysiert. Herausgekommen ist dabei Platz 66.

“Ist-Zustand ist nicht das Ziel”

Geht man ins Detail, wird der Vergleich nicht besser. Aus den 234 Regionen habe die IV jene 83 identifiziert, die sich durch eine hohe Industriequote und eine vergleichbare Wirtschaftsstruktur auszeichnen. “Da hat Vorarlberg zwar etwas zugelegt, ist jedoch von Platz 29 auf Platz 34 zurückgefallen”, erklärt Hartmann. “Wir sind zwar solide aufgestellt, aber der Ist-Zustand kann nicht das Ziel sein.”

Skandinavien zeige, wie man sich zukunftsfähig aufstelle. Das funktioniere nicht nur im Norden, sondern auch in unserer Nachbarschaft. “Die Region Oberbayern ist die Nummer eins im Vergleich”, so Hartmann. Vorarlberg habe Stärken, etwa die gute Infrastruktur. Darauf könne man aufbauen, sollte aber nicht verharren. Die Verkehrsinfrastruktur müsse in allen Bereichen weiter ausgebaut werden. Auch die Arbeitsproduktivität im Land sei auf hohem Niveau – damit zusammenhängend die Lebensqualität. Damit man das erhalte, müsse aber sofort gehandelt werden, um die Lohnstückkosten wieder auf ein konkurrenzfähiges Niveau zu bringen. Auch in Sachen Innovation sei man im Land gut aufgestellt, doch es gebe noch Potenzial und vor allem auch deutlich mehr Tempo in der Umsetzung von Innovationen am Markt.

Strukturelle Probleme angehen

Schließlich sei es auch notwendig, dass sich Österreich den strukturellen Problemen widme, die man schon zu lange vor sich herschiebe, erklärt IV-Geschäftsführer Kampl. Zuvorderst die Pensionen: “In Österreich geht man viel zu früh in Pension”, stellt Präsident Hartmann fest. Während die Dänen bis 67 Jahre arbeiten, sei das faktische Pensionsantrittsalter in Österreich 61 Jahre. Das liege aber nicht an der Wirtschaft, der oft vorgeworfen werde, keine älteren Arbeitslosen einzustellen. Es sei wichtig, dass die älteren Menschen erst gar nicht arbeitslos werden. Dafür brauche es entsprechende Anpassungen, z. B. sei das Senioritätsprinzip nicht hilfreich. Auch nicht die erst kürzlich vorgestellte Lohnnebenkostensenkung, die letztendlich über andere neue Gebühren und Steuern von den Firmen selbst finanziert werde. “Reformen brauche es auch in Sachen Gesundheit, im Bildungsbereich, wo Fächer wie MINT und der Digitalbereich sogar rückläufig seien. Und die Verwaltung könne man auch in den Griff bekommen, wie Dänemark zeige. Die großen Themen müssen endlich angegangen werden”, das sorge dann hoffentlich auch für einen Schub in der Gesellschaft, so Hartmann.