Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Samt und Seide

Vorarlberg / 09.10.2023 • 20:45 Uhr

„Deine Sorgen möchte ich haben“ – an diese Redensart muss man denken, wenn man in einem konservativen katholischen Nachrichtenportal Folgendes liest: „Schneider in Rom bangen um rote Seide für Kardinalsgewänder“. Während der Corona-Pandemie habe ein wichtiger Lieferant für Moiré-Seide geschlossen, und daher dauere es nun bis zu vier Monaten, bis die Seide geliefert werde – von der Teuerung für die 2000-Euro-Kleidung ganz zu schweigen. Und da werde es zeitlich eng, dass die 21 Kardinäle zu ihrer Ernennung beim Papst ordentlich gekleidet erscheinen können. Soweit man sehen konnte, war dieses Problem bei ihrer Ernennung inzwischen allerdings gelöst.

In der katholischen Kirche ist die Hierarchie auch an der Kleidung ablesbar – umso näher beim Vatikan, desto mehr sieht man Violett, Rot und Purpurrot. Hierzulande tragen die meisten Geistlichen bis hinauf zu Kardinal Schönborn im Alltag einen schwarzen Anzug. Bei den weiblichen und männlichen Ordensangehörigen ist weltweit überhaupt schlichte Uniformität angesagt, die auch bei den anderen großen Religionsgemeinschaften gang und gäbe ist.

Die katholische Kirche ist aber nicht nur eine Religionsgemeinschaft, sondern verkörpert auch einen eigenen Staat – den Vatikan. Er hat alle wesentlichen Merkmale einer Monarchie, und dazu gehört eben auch ein höfisches Zeremoniell. Es ist unschwer zu erkennen, dass Papst Franziskus mit dieser ihm fremden Welt keine Freude hat – Kardinäle In Luxuswohnungen mit ihm allerdings auch nicht.

Außer sich über Samt und Seide zu ärgern und selbst mit besserem Beispiel voranzugehen, ist ihm in der Praxis kaum ein größerer Einfluss möglich. Seine Energie setzt er vernünftigerweise für inhaltliche Fragen ein, allen voran für die aktuelle Synode. Mit ihr zieht ein ganz neuer Stil offener Diskussion sowie der Beteiligung von Frauen und Laien in die Kirche ein. Davon darf man sich angesichts der starken Unterschiede zwischen den einzelnen Kirchenregionen in der Welt und vielfältiger Widerstände natürlich keine Wunder erwarten. Das Anliegen von Papst Franziskus ist es offenkundig, Verständnis für Veränderungen herbeizudiskutieren.

Daneben stellt er durch die Ernennung zahlreicher neuer Kardinäle aus allen Erdteilen in aller Ruhe wichtige Weichen für eine gute Nachfolge. Aus Sicht mancher kirchlichen Würdenträger und Pächter ewiger Wahrheit ist Papst Franziskus eine Art Betriebsunfall des letzten Konklaves, der die Kirche auf einen Irrweg führe. Man sagt dem Papst nach, dass er stur sein könne. Das kann man auch positiv sehen. Er lässt sich durch Widerstände nicht entmutigen.

„Seine Energie setzt der Papst für inhaltliche Fragen ein.“

Jürgen Weiss

juergen.weiss@vn.at

Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.