Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Schtrucha, Husten, Halsweh

Vorarlberg / 31.10.2023 • 07:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wie am Sonntag die Sommerzeit zurückgestellt wurde, wurde spätestens um halb fünf am Nachmittag klar: Es ist jetzt Winter. Finster wars, im Ofen knisterte ein Feuer, auf dem Sofa lag ein fiebriges Kind und bettelte um mehr Tee. Also, ein erwachsenes Kind, das seit Jahren nicht mehr „Kind“ genannt werden will. Aber das begreifen sie halt nicht: Sie bleiben immer meine Kinder, egal wie alt sie werden. Und ich werde sie, wenn sie wie jetzt wieder mal ein paar Tage bei mir am Land vorbeischauen, genauso bemuttern, wie ich noch immer bemuttert werde, wenn ich im Ländle vorbeischaue.

„Sie bleiben immer meine Kinder, egal wie alt sie werden.“

Apropos krank. Unlängst hatte ich eine Lesung in Graz, und weil ich am Morgen davor mit Schtrucha, Husten und Halsweh aufgewacht war, machte ich einen Covid-Test bevor ich losfuhr. Negativ, und wegen einer Erkältung sagt man ja keine Lesung ab. Ich packte heißen Tee, Hustenzuckerl und Taschentücher ein und setzte mich in den Zug. Ich überstand, nachdem ich mich beim Publikum entschuldigt hatte, die Lesung mithilfe moderner Medizinprodukte und fuhr am nächsten Vormittag nach einem weiteren negativen Test im Zug zurück. Das Abteil, in dem ich saß, war so gut wie leer: Ein paar Reihen vor mir saß eine Frau, ein paar Reihen weiter noch eine. Und ja, meine Erkältung machte sich bemerkbar. Ich verschneutzte zwei Packerl Taschentücher und hustete mir die Armbeuge feucht, wie das bei einer Erkältung halt so ist.

Nach einer Stunde Fahrt kam eine der Mitreisenden zu meinem Platz, aber nicht um mich zu bedauern, sondern um mich zu fragen, ob mir klar sei, wie viele Leute ich mit meinem Verhalten anstecke. Ich war ein bisschen baff. Ich sagte, dass ich zwei negative Corona-Tests gemacht habe und fragte sie, ob sie denn fände, dass man nicht mit dem Zug heimfahren dürfe mit einer Erkältung? Sie sagte, sie fände mich verantwortungslos und ging zu ihrem Platz.

Darüber dachte ich dann den Rest der Zugfahrt nach, während ich versuchte, lautlos zu husten und mich unhörbar zu schneutzen. Ich habe gedacht: Wie überstehen wir den nächsten Winter, wenn wir jetzt alle so empfindlich sind, dass wir schon bei einer Erkältung Alarm auslösen?

Natürlich hat alles mit der Pandemie zu tun: Sie hat uns vorsichtig gemacht, und das ist auch nicht schlecht, denn Covid gibts immer noch, wenn auch ohne Gratistests, verordneter Maskenpflicht und Lockdown. Wir müssen uns jetzt selber schützen, und uns, falls uns das nicht gelungen ist, selber verantwortlich fühlen, andere nicht anzustecken.

Es ist, gerade auch in diesen furchtbaren Wochen, nie falsch, nett und rücksichtsvoll zu anderen zu sein, wo immer es uns möglich ist. Aber vergessen wir auch nicht, was im Winter einst normal war: Dass Leute auch mal erkältet sind und husten, ohne böse Absicht.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.