Sie fehlt
Sie ist nicht da. Wird wohl auf Urlaub sein. Doch hoffentlich nicht krank? Die Gedanken kommen pfeilschnell und sind auch schon wieder weg. Erst viel später wird mir bewusst, dass ich die Putzfrau eigentlich schon ziemlich lange nicht mehr gesehen habe. Vielleicht hat ja die Firma gewechselt. Das geht schnell heutzutage. Sagt man eigentlich noch Putzfrau? Oder Reinigungskraft? Was darf man denn? Ich kenne nicht einmal ihren Namen.
Sie muss so um die 50 sein, ist schwer zu schätzen. Wenn der Tag mal etwas länger dauert, tritt sie leise am späten Nachmittag an den Schreibtisch heran und entschuldigt sich gleich dafür. Ganz so, als dürfte sie gar nicht hier sein. Dabei bringt sie Ordnung in mein Chaos. Wie das wohl wäre, wenn sie nicht Hand anlegte? Ob sie wohl angemessen verdient? Ist der Chef nett? Wie kommt sie zur Arbeit? Hab’ sie schon durch den Regen stapfen sehen. Manchmal sitzt sie bei gutem Wetter im Hof und raucht eine Zigarette. Dann winkt sie mir zu, wenn ich nachhause gehe. Ihr Dienst fängt eben erst an.
Ihre Wurzeln liegen in der Türkei. Aber ob sie hier aufgewachsen ist? Keine Ahnung. Sie spricht nur wenig Deutsch. Kinder hat sie. Wie war das noch – eine Tochter, ein Sohn? Sie hat das einmal erzählt und mit den Fingern die Zahl zwei gedeutet. Stolz lag auf ihrem Antlitz. Eltern sind wohl alle gleich. Und nun ist sie fort. Sie fehlt. Ob ihr das je jemand gesagt hat?
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