Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Die Federkrone

Vorarlberg / 12.12.2024 • 07:05 Uhr

Einmal in seinem Leben wollte der Mann, der etwas verspielt war, den Kopfschmuck des Montezuma aufsetzen. Verspielt nannte der Vater den Zustand seines Sohnes, in Wahrheit war er ein verwirrtes Kind gewesen, dann ein verwirrter Mann, der mit der Wirklichkeit nicht zurecht kam, er war, simpel ausgedrückt, verrückt. Er kam aus reichem Haus und sein Vater sagte ihm, das mit der Federkrone sei nicht möglich. Für den Sohn wurde die Federkrone zur fixen Idee, und so bat der gebrechliche Vater seinen gesunden Sohn, dem Bruder den Wunsch zu erfüllen. Der Bruder reiste mit ihm nach Wien ins Weltmuseum.
Der gesunde Bruder tat das ungern, er interessierte sich für alles andere, aber er musste gehorchen. So viel hing an der Gunst des Vaters.

An der Kassa des Weltmuseums saß eine junge Studentin und verkaufte die Karten. Ein Aufseher führte die beiden Brüder zur wertvollen Krone, die in einem Schrein aus Glas verwahrt wurde. Sie stammt aus dem heutigen Mexiko und soll 1519 ein Geschenk an den spanischen Eroberer Hernán Cortés gewesen sein.
Nicht länger als zehn Minuten stand der gesunde bei seinem kranken Bruder. Damit meinte er, seine Pflicht erfüllt zu haben, und er lief auf den Ausgang zu, er schaute auf die Uhr, sagte der Studentin am Eingang, er werde seinen Bruder in drei Stunden abholen, kurz vor Schließung des Museums. Und ja, sein Bruder sei etwas seltsam, aber keine Sorge. Damit war er weg.

Die Studentin war ratlos. Sie sagte dem Aufseher Besscheid, der schaute nach dem kranken Bruder. Der stand vor der Federkrone und zählte die rosa Flamingofedern, die grünen Federn und dann die rotbraunen Federn mit den weißen Spitzen vom Kuckucksvogel. Nur diesen Namen konnte er sich einprägen. Er zählte die Goldplättchen, es waren viele, schätzte die Schwanzfedern, drückte die Stirn gegen den Schrein.

Der Aufseher wollte den kranken Bruder wegziehen, als dieser an dem Glaskasten zu rütteln begann. Der Bruder wehrte sich, biss dem Aufseher in den Arm. Umstehende Besucher sahen zu und flüsterten.

„Wir schließen“, sagte der Aufseher. „Sie müssen gehen!“
„Wohin soll ich gehen, ich weiß nicht wohin“, sagte der kranke Bruder. „Lassen Sie mich bleiben, ich ziehe mein Jackett aus und decke mich damit zu, ich will hier übernachten. Ich muss auf die Krone aufpassen, damit sie nicht gestohlen wird. Wer passt denn auf die Krone auf, wenn nicht ich.“

„In der Nacht schläft die Krone“, sagte die junge Studentin. Kommen Sie, wir schlafen auch! Alle schlafen in der Nacht.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.