Kolumne: Lucia
Lucia war aufgewachsen in München, aber sie sagte, sie stamme aus unserer Gegend. Jeder wusste, sie stammt nicht aus unserer Gegend, aber niemand wusste, warum sie es behauptete.
Sie war in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen, bei dem ein siebenjähriger Rollerfahrer getötet wurde. Das Kind war so unsicher gefahren und plötzlich an den Wagen gekracht. Lucia war nicht am Steuer. So behauptete sie. Ihr Begleiter sei am Steuer gewesen und gleich, nachdem der Unfall passiert sei, aus dem Auto gesprungen und davongerannt. Weil er nämlich angetrunken war, sagte Lucia den Polizisten. Wie sein Name sei, wurde gefragt. Sie sagte, sie wisse es nicht, sie habe den Mann in einem Café kennengelernt und er habe gesagt, sein Name sei Charly, mehr wisse sie nicht.
„Das erfinden sie jetzt!“, sagte der starke Polizist, der mit der Narbe über dem linken Auge. „So kommen sie uns nicht davon! Geben Sie zu, sie sind am Steuer gesessen und ihnen ist der Unfall passiert!“
Lucia sah die Rettung und die Sanitäter. Sie bückten sich, um das Kind auf eine Bahre zu heben, den Roller nahmen sie auch mit.
„Das Auto gehört doch Ihnen“, sagte der andere Polizist, der mit den Schultern, die schmal aussahen, obwohl seine Uniformjacke gepolstert war.
„Zeigen Sie mir Ihre Papiere!“
„Ich sagte doch“, jammerte Lucia, „dass der Mann, der sich Charly nannte, mich nach Hause fahren wollte. Wir waren beide angetrunken. Entschuldigung. Liebeskummer bei mir. Ich vermute, er selber hatte keinen Liebeskummer, überhaupt keinen Kummer, er war nur scharf auf mich. Er hat mich nicht belästigt, wenn Sie wissen, was ich meine, er war schüchtern …“
„Was ich meine“, sagte der Poliist mit der Narbe, „ich meine, Sie sollten das Auto zur Seite fahren und aussteigen. Wir müssen Sie mitnehmen.“
„Ich habe keinen Führerschein, ich kann gar nicht Auto fahren, bin noch nie … Ich komme aus München … in München bin ich aufgewachsen … Ich habe nur immer behauptet, ich komme von hier … Ich habe gelogen … Ich weiß selbst nicht warum …“
Lucias Kleid verfing sich im Gurt, sie riss daran und zerstörte es.
„Was ist mit dem Kind?“, fragte sie. „Es ist doch nicht tot, wenn es tot ist, will ich auch tot sein.“
Sie weinte.
Die Polizisten zogen sie aus dem Auto, drückten ihren Kopf nach unten und schoben sie ins Polizeiauto. Sie verriegelten die Tür. Sie durchsuchten das Unfallauto, fanden keine Papiere, nichts, was auf einen Mann namens Charly hinwies. Eine Münchner Autonummer.
Lucia hatte immer behauptet, sie stamme aus unserer Gegend. Alles musste überprüft werden.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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