Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Spätes Abenteuer

Vorarlberg / HEUTE • 08:08 Uhr

Die schönste Erinnerung war die an die Äpfel, die sie gemeinsam vom Baum des Nachbarn gestohlen hatten. Da war sie achtundsiebzig, er sechsundsiebzig gewesen. Er hatte ihr die Räuberleiter gemacht. Sind dann erwischt worden, die beiden. Äpfel in den Manteltaschen. Sie standen wie Schulkinder nebeneinander.

Der  Apfelbaumbesitzer wollte sie zur Rede stellen, als er die beiden aber ansah, lachte er und sagte: „Was war denn das?“

Die Frau ging einen Schritt vor: „Diebstahl.“

„Ja“, sagte der Mann „wir sind Diebe, alte Diebe.“

„Darf ich ein Foto machen?“, fragte der Apfelbaumbesitzer.

Er lief ins Haus, um sein Handy zu holen. Da waren die zwei alten Leute durch ein Loch im Zaun auf die Straße gelaufen.

Sie hörten den Apfelbaumbesitzer rufen: „He, halt, hiergeblieben“.

Sie kehrten um und stellten sich für das Foto auf, er seinen Unterarm auf ihrem. Sie sahen einander an, und der Apfelbaumbesitzer sagte: „He, bitte in die Kamera, ihr könnt nachher flirten.“

Er lud sie in sein Haus auf ein Getränk ein, erklärte, er sei Junggeselle, deshalb kein Kuchen im Haus. Ob sie mit einem Wurstbrot, Jägerwurst, zufrieden seien.

„Gern“, sagte der alte Mann, und die alte Frau fügte hinzu: „Wenn es keine Umstände macht.“

„Und zu tinken?“

„Was gibt es denn?“, fragte der Mann.

„Haltbarmilch“, sagte der Apfelbaumbesitzer und mit einem Grinsen: „Keinen Schnaps für Apfeldiebe.“

So saßen die drei auf der Eckbank am Tisch und nickten einander zu.

„Haben Sie denn keine Frau?“, fragte die Diebin. „Eine, die für sie putzt?“

„Ich mache so allein kaum einen Dreck“, sagte der Apfelbaumbesitzer.

„Und wie ist es mit Kochen?“, fragte der Dieb.

„Kann ich auch nicht.“

„Was haben Sie denn zu Hause, wir könnten Ihnen etwas kochen.“

„Ich habe einen Hasen im Tiefkühler. Er ist ausgeweidet, abgehangen und tiefgekühlt.

„Bis der aufgetaut ist, dauert es Stunden“, sagte die Diebin „so lange können wir nicht warten. Auch wir haben zu Hause zu tun.“

„Ich kann Sie anrufen, wenn er aufgetaut ist.“

„Erst nach drei Tagen anrufen“, sagte der Apfeldieb. „Sie müssen den Hasen mit Öl bestreichen, Rosamarin, Thymian und Pfeffer dazu geben, dann in Folie einwickeln und im Kühlschrank drei Tage ziehen lassen. Wenn Sie uns dann Bescheid geben, kommen wir und kochen für Sie.“

Nach drei Tagen rief der Mann an und sagte, er habe alles richtig gemacht, der Hase liege im Backofen, er müsse jetzt zum Zahnarzt, und wenn er komme, würde er sich melden.

Die Diebe riefen nicht an, sie waren inzwischen weiter, zumindest in ihren Köpfen. Bei einem Spaziergang sahen sie, wie es aus dem Haus des Apfelbaumbesitzers rauchte.

„Wir haben vergessen ihn zu ermahnen, dass man einen Hasen im Rohr nicht allein lassen sollte“, sagte die Diebin.

„Er wird die Küche neu ausmalen müssen“, sagte der Dieb.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.