Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Irrtum

Vorarlberg / 18.02.2026 • 08:15 Uhr

Merkwürdigerweise hat sie mich nie danach gefragt. Warum hast du mir das mit meinem Bruder nicht erzählt? Was hätte ich geantwortet? Feige: Was meinst du? Mutig: Es war mir nicht so wichtig.

Um ehrlich zu sein, ich hatte die Sache verdrängt, wie man so vieles, was unangenhm ist, nicht mehr wahrhaben will.

Ich und ihr Bruder waren ein Liebespaar gewesen. Ich verwende bewusst die Vorvergangenheit. Sehr jung, er und ich, gerade sechzehn geworden. Mein erster Mann. Er war noch kein Mann, war unschuldig wie ich, nur ich war geschickter, ich wusste instinktiv, was gut war. Er klammerte sich an mich, ein ganzes Jahr lang. Er beteuerte, dass er ewig bei mir bleiben wolle, bis zum Tod. Das war mir dann doch zu viel. Achtzehn geworden, interessierte ich mich für andere Männer. Solche, die eigene Gedanken hatten und mit mir streiten wollten. Das gefiel mir. Ich habe ihren Bruder oft noch gesehen, er lauerte mir auf. Einmal unter einer Brücke, drückte er mich an die Wand und sagte, er werde mich erschießen. Ich war grausam und sagte: „Womit willst du mich erschießen, mit Kirschkernen?“

Bald hatte ich ein Leben für mich und vergaß ihren Bruder. Ich hatte geheiratet und einen Mann kennengelernt, bei dem ich bleiben wollte. Wir bekamen zwei Kinder. Verteufelt ging es weiter, irgendwann dachte ich, bin ich denn verrückt, warum lebe ich mit diesen Mann. Denken Sie nur, ich sei oberflächlich. Ich war es.

Ich habe vom Suizid ihres Bruders durch einen Brief erfahren. Hat sie mir diesen Brief geschrieben? Ich wurde beschuldigt, am Tod ihres Bruders schuld zu sein. Ich wollte zurückschreiben, dass mir sein Tod unendlich leid tue.

Dann sah ich ihn mit einer Frau umarmt, ich dachte, er sieht ihrem Bruder sehr ähnlich. Ich ging nahe an ihn heran. Er erkannte mich, ich erkannte ihn. Er war nicht tot. Er schaute mir stechend in die Augen, beugte sich zu seiner neuen Frau, die wirklich reizend aussah, und küsste sie mit Leidenschaft.  

Er war verliebt. Ich beneidete die beiden. Es war, als würden sie mir zeigen, wie es hätte sein können. Nein, eifersüchtig war ich nicht. Ich lief nach Hause, badete meine Kinder und legte mich mit den beiden ins Bett. Sie waren meine Schätze. Ich ging in mich und wollte eine bessere Frau sein. Wollte gerecht zu meinem Mann sein. Aber die Liebe war erloschen. Sind es denn die Kerzen, die nur kurz leuchten und beim kleinsten Windstoß verlöschen?

Meine Kinder spürten meine Unruhe und gleich wurden sie auch unruhig. Sie rissen sich gegenseitig an den Locken und zertrümmerten ihr Spielzeug.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.