Vom angestellten Buchhalter zum selbstständigen Bankier

Historische Biografie: Johann Michael Sohm (1832–1919).
Es waren die jüdischen Hohenemser Familien Brettauer und Schwarz, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Vorarlberg die ersten Bankhäuser gründeten. Für die aufkommende Industrialisierung waren Institute, die über das traditionelle Geldverleihwesen hinausgingen, von grundsätzlicher Bedeutung. Maschinen für die Textilindustrie konnten sowohl in der Schweiz als auch in England nur mit Bankgarantien eingeführter Banken angeschafft werden. Für kurzfristig benötigtes Betriebskapital oder Rohstoffkäufe dienten sogenannte Wechsel, die von einem Gläubiger mit fixem Rückzahltermin ausgestellt wurden. Solche Wechsel konnten mit Abschlägen auch weiterverkauft werden, sofern der Wechselinhaber Bargeld benötigte oder ein Risiko loswerden wollte. Diese Diskontgeschäfte waren ein wesentliches Geschäftsfeld des früheren Bankwesens. Für Kleinkredite und Spareinlagen waren die Spar- beziehungsweise Raiffeisenkassen zuständig. Sie übernahmen zusehends das Geschäft der lokalen Geldverleiher. Als solche fungierten in der Mehrzahl bedeutende Wirte.
Unmittelbar neben dem Bankhaus Brettauer in der neu angelegten Bahnhofstraße in Bregenz gründete der Dornbirner Johann Michael Sohm 1875 eine eigene Bank. Zuvor hatte Sohm bei der Hohenemser Textilfirma Gebrüder Rosenthal und dann etliche Jahre beim aufstrebenden Unternehmer Franz Martin Hämmerle als Disponent gearbeitet. In dieser Funktion hatte er Geldtransaktionen abgewickelt, Kredite für wichtige Anschaffungen besorgt und Einblick in Diskontgeschäfte erhalten. Um sein Geschäftsfeld weitläufiger anzulegen, ging er eine lose Verbindung mit einer Bank im schweizerischen Winterthur ein.
Michael Sohm, geboren am 26. Mai 1832 in der Dornbirner Bergparzelle Bantling, war der Sohn eines Kleinbauern, der durch Köhlerei etwas dazuverdiente. Nach der Volksschule empfahl ihn der Lehrer für die neu gegründete Fortbildungsschule. Um das Schulgeld zu verdienen, musste der begabte Bauernbub in der unterrichtsfreien Zeit mit einem Spulrad dem Lehrer die Bobinen füllen. Der Lehrer war nämlich auch in die Textilverarbeitung eingetreten und stellte Sohm nach Abschluss des Schuljahres als kaufmännischen Lehrling ein. Als das Textilgeschäft als Nebenerwerb zu wenig abwarf, widmete der Lehrer ganz der Vertretung einer Versicherungsgesellschaft. Dadurch erhielt Sohm einen Einblick in einen weiteren Geschäftszweig und Verbindungen zu Vorarlberger Betrieben. Jedenfalls wurde er 1848 vom Hohenemser Textilunternehmen Rosenthal als Büroleiter angestellt. Hier sah er nun, wie internationale Geschäfte abgewickelt wurden, nach welchen Gesichtspunkten Investitionen getätigt oder unterlassen wurden und wie die Abwicklung und Dokumentation wichtiger geschäftlicher Abläufe zu geschehen hatten. Auch Diskontgeschäfte wurden in der Firma Rosenthal abgewickelt.
Neben umfassenden Geschäftspraktiken lernte Michael Sohm bei der Hohenemser Fabrikantenfamilie auch seine zukünftige Frau kennen. Elisabeth Stieffel aus Heidelberg war nämlich in der Familie Josef Rosenthal als private Sprachen- und Musiklehrerin für die zahlreichen Kinder angestellt. Sohm hatte bei ihr ebenfalls Englischstunden belegt, weil er kurzfristig einer Auswanderung nach Amerika nicht abgeneigt gewesen war.
Im Frühjahr 1860 kam der Fabrikant Franz Martin Hämmerle persönlich nach Hohenems, um den Rosenthal-Disponenten mit einem lukrativen Angebot abzuwerben. Was folgte, waren zehn interessante und gestalterische Jahre bei und mit Hämmerle, den Sohm als weitblickenden Unternehmer bewunderte. In diese Zeit fielen die Einrichtung einer Textildruckerei und der Bau der Spinnerei im Gütle, aber auch der amerikanische Bürgerkrieg, der die Baumwolle zur teuren Mangelware werden ließ. Hämmerle zeigte sich mit Sohms Vorschlag einer antizyklischen Investition in eine Spinnerei mit Selfacting-Maschinen einverstanden und schickte seinen Prokuristen zum Einkauf modernster Maschinen nach England. Die Firma in Manchester wollte aber nur mit einer englischen Bankgarantie in einen Verkauf einwilligen. Bei Rosenthal hatte Sohm das Bankhaus Marco Brunner in St. Gallen kennengelernt, das ihm nun eine Verbindung zu einer englischen Bank herstellte. Das Beispiel zeigt, wie Vorarlberger Unternehmen von den internationalen Beziehungen jüdischer Familien aus Hohenems profitierten.
Ab 1866, nach dem Ende des Bürgerkriegs, lief die Spinnerei im Gütle auf Hochtouren und gewinnträchtig. 1867 war der innovationsfreudige Franz Martin Hämmerle mit seinem Prokuristen Michael Sohm auf der Pariser Weltausstellung, um Neuigkeiten für die Produktion zu erkunden und Beziehungen zu pflegen.

1870 beschloss Sohm, dass er beruflich selbstständig werden wollte. Dazu übernahm er die Vertretung der Produkte der Sektkellerei Schlumberger für den süddeutschen Raum in Stuttgart. Als dann aber in Bregenz das Grundstück, auf dem sich vor dem Bahnbau 1872 der Schießstand befunden hatte, zum Verkauf angeboten wurde, ließ Sohm hier ein repräsentatives Haus errichten. Die Villa befand sich am nördlichen Ende der Kaiserstraße in der neu angelegten Bahnhofstraße. Hier zog die inzwischen auf sechs Kinder angewachsene Familie 1875 ein und hier eröffnete der Hausherr eine Bank. Der Zeitpunkt für ein solches Unternehmen war günstig, da in Bregenz mit dem aufkommenden Tourismus in neue Hotels und Infrastruktur investiert wurde. In unmittelbarer Nähe des neuen Bankhauses entstand das vornehme Hotel Montfort und das im Mai 1945 nach einem Bombentreffer abgebrannte Hotel de l’Europe. In Kooperation mit einer Bank in Winterthur und mit seiner Kenntnis der finanztechnischen Gegebenheiten in der Texilindustrie gelang es Sohm, sein Institut zu einem kompetenten Kreditgeber für Vorarlberger Unternehmen zu entwickeln. In den 1880er-Jahren wurde er zudem in den Vorstand der Vorarlberger Stickerei-Genossenschaft gewählt. Die zahlreichen, in der Schweiz gekauften Stickautomaten mussten finanziert werden. Zudem wurde der Bankier mehrfach von Gerichten zum Masseverwalter bei Konkursen bestellt. Unterstützt von zwei seiner Söhne betrieb er bis 1899 erfolgreich sein Bankgeschäft, ehe er die Konzession zurücklegte und sein Sohn Oskar eine Bank am Bregenzer Leutbühel eröffnete, in der auch andere Serviceleistungen wie der Verkauf von Konzert- und Theaterkarten angeboten wurden.
In einer kurzen Skizze seines Lebens, die er wenige Monate vor seinem Tod verfasste, stellte der Bankier fest, dass nun „nach glücklichen Jahren unglückliche kamen“. Dieses Unglück betraf vor allem seine Familie. Alle sechs Kinder hatten die musikalische Begabung ihrer Mutter geerbt, einige waren literarisch interessiert und sportlich gefördert worden. Bereits im Oktober 1900 begannen mit dem Tod des Sohnes Eugen die Unglücksfälle. Er starb bei einem Spaziergang mitten in Lindau an einem Schlaganfall. Er war nur 27 Jahre alt und seit fünf Jahren Prokurist in der väterlichen Bank. Sechs Wochen danach verschied der ältere Sohn Oskar, der ebenfalls im Geldinstitut führend tätig war. Er war als Kurator der jährlichen Bregenzer Kunstausstellungen und als Vorstand der Stadtmusik eine Größe im Bregenzer Kulturbetrieb. Kurz danach verlor Tochter Elisabeth ihren Gatten und hatte nun für vier unversorgte Kinder zu sorgen. Die ältere Tochter Amalia mussteaufgrundd einer mentalen Erkrankung in einer Schweizer Anstalt untergebracht werden. Im Jänner 1903 verlor der alte Bankier schließlich seine Gattin Elisabeth.
Die beiden jüngeren Söhne wandten sich nicht dem väterlichen Geldgeschäft zu: Robert (1874-1941) studierte Medizin und wurde schließlich Stadt- und Spitalsarzt in seiner Heimatstadt. Er spielte zusammen mit seiner Frau Frieda Forster, einer über Bregenz hinaus bekannten Pianistin, eine wichtige Rolle im städtischen Musikleben und trat bisweilen auch als Komponist in Erscheinung.
Am bekanntesten aber wurde Sohn Viktor (1869-1960), der sich als Ski- und Tourismuspionier einen Namen machte. Seine ersten Skikurse in Zürs um 1900 bildeten den Grundstein für das werdende Skizentrum am Flexenpass. Zeitweise führte er im Parterre der Sohm-Villa ein Sportgeschäft.
Der tüchtige Michael Sohm, der es vom Bergbauernbub zum angesehenen und international agierenden Bankier gebracht hatte, starb relativ vereinsamt am 8. Dezember 1919. Er sei, schrieb die Landes-Zeitung in einem kurzen Nachruf, „eine stadtbekannte Persönlichkeit und bis ins hohe Alter rüstig und gesund“ gewesen.
Der Historiker Meinrad Pichler stellt in der Serie „Avantgarde“ historische Persönlichkeiten in und aus Vorarlberg vor, die auf wirtschaftlichem, sozialem oder kulturellem Gebiet vorangegangen sind beziehungsweise vorausgedacht haben und damit über ihre Zeit hinaus wirksam wurden. Neben biografischen Stationen gilt es deshalb vor allem zu zeigen, was diese Personen öffentlich Bleibendes geschaffen, erfunden oder erdacht haben. Da durch aktuelle Gegebenheiten wieder vieles neu gedacht und eingerichtet werden muss, sind innovative Köpfe immer gefragt.