Kolumne: Schlechtes Gewissen
Warum, frage ich mich, habe ich immer ein schlechtes Gewissen. Gleich was ich getan oder nicht getan habe, immer ist es da. Sinnlos, einen Grund zu suchen. Es ist mir in die Wiege gelegt worden. Weil meine Mutter schon ein schlechtes Gewissen hatte? Und ihre Mutter auch? Und so weiter bis zurück zu Karl dem Großen? Es gibt immer einen Grund. Gründe!
Vom schlechten Gewissen erzählte mir neulich ein Ehepaar:
„Meine Eltern“ und meine Kinder, sagte der Mann, „machen mir nicht minder ein schlechtes Gewissen als meine Frau.“
Die Frau sagte: „Du meinst Sorge.“ Und zu mir: „Er meint Sorge.“
„Ja, die meine ich auch“, sagte er.
„Es geht doch darum“, sagte die Frau zu mir, „dass ich immer das Gefühl habe, so wie Sie, etwas nicht richtig oder etwas falsch oder etwas gar nicht gemacht zu haben …“
Er ergänzte: „… was dann zur Folge haben könnte, dass unsere Kinder sich nicht geliebt fühlen.“
„Oder zu wenig geliebt“, sagte die Frau.
Der Mann: „Ich bin mit meinem Freund nach der Arbeit noch auf ein Bier gegangen, bin spät mit schlechtem Gewissen heimgekommen. Als Beispiel.“
Die Frau: „Oder ich: Ich war mit einer Bekannten unterwegs und habe vergessen, meinem Mann die Herzmedikamente zu besorgen. Als es mir dann eingefallen ist, war die Apotheke schon zu, und außerdem hätte ich seine E-Card nicht dabei gehabt.“
„Ich denke mir“, sagte der Mann, „das kommt, weil wir katholisch sind und unser Jesus am Kreuz für uns gestorben ist. Das wird nie aufhören.“
Sie: „Wir könnten beichten.“
Er: „Wann war ich das letzte Mal bei der Beichte? Als Kind.“
Sie: „Es wäre einfach, sich am Tag der Beichte ohne Schuld zu fühlen, um dann wieder zu sündigen, um dann wieder zu beichten und so weiter.“
Er: „Ach, könnte man doch alles nur richtig machen!“
Sie: „Anderes Beispiel: Heute kam das Wible und fragte um warme Handschuhe, ihre Hände waren rot vor Kälte. Ich gab ihr ein Paar von meinen und kam mir anständig vor. Ich habe aber noch vier Paar andere, also hatte das gar nichts zu bedeuten.“
Er: „Wie ich dich kenne, wärst du erst zufrieden gewesen, wenn du ihr alle fünf geschenkt hättest.“
Sie: „Du kennst mich gut.“
Ich sagte zu dem Ehepaar, dass wir uns glücklich schätzen sollten, mit einem schlechten Gewissen leben zu müssen. Wären wir denn nicht sonst wie die Barbaren?
„Es ist schlicht so“, sagte der Mann, „wenn sich meine Frau schlecht fühlt, gebe ich mir die Schuld.“ Sie: „Umgekehrt genauso. Noch ein Beispiel: Vor einer Woche habe ich ein Hemd für dich gekauft, im Geschäft hat es irgendwie weiß ausgesehen, zu Hause war es polizeiblau, ich weiß, das magst du nicht, also habe ich es stante pede zum Altkleidercontainer gebracht …“
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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