Kolumne: Zu den Akten
Winter war’s und kalt, weil das Heizöl ausgegangen war. Ich lehnte an der Schulter meines Mannaes. Wir warteten auf das Ölauto. Es läutete Sturm, ich erschrak. Das ausgestopfte Eichhörnchen fiel vom Bücherbord. Es waren nicht die Ölmänner, zwei Polizisten standen vor unserer Tür. Sie fragten nach unserem Sohn, er sei in eine Rauferei verwickelt. Mein Mann und ich schauten uns an. Unser Sohn und Raufen!
„Das muss eine Verwechslung sein“, sagte mein Mann, „unser Sohn wohnt in Wien und was das Raufen anlangt, ist er der Letzte, er verabscheut Gewalt.“
Ein Polizist zeigte uns Bilder auf seinem Handy, sehr verschwommen.
„Da sehe ich nichts, und außerdem ist unser Sohn nicht hier, er wohnt, wie bereits gesagt, in Wien, wäre er hier, würde er bei uns wohnen.“
Der andere Polizist versuchte auf seinem Handy ein besseres Bild zu finden.
„Wäre unser Sohn verletzt, wenn er es wäre“, fragte mein Mann.
Er könne dazu nichts sagen, hieß es.
Ich wählte die Nummer unseres Sohnes und er war nicht zu erreichen, sprach ihm eine Nachricht auf sein Handy.
Die Polizisten grüßten kurz und fuhren weg. Wir versuchten immer wieder unseren Sohn anzurufen, er ging nicht ans Handy. Wir wurden nervös, bildeten uns Szenarien ein, die uns Angst machten.
In der Nacht rief uns unser Sohn an, wir erzählten ihm, was geschehen war, und er fand das schräg. „Schräg“ sagte er,“ sollte ich einen Doppelgänger haben, würde ich ihn gern kennen lernen.“
Die Polizei hatte ihn auch schon kontaktiert und sich für das Versehen entschuldigt.
Eine Woche später bekamen wir einen aufgeregten Anruf von einer Frau, die sagte, sie sei bei unserem Sohn im Krankenhaus, er könne sich nicht ausweisen, und sie brauche seine Daten. Er sei verwirrt und habe keine Erinnerung. Wir glaubten an einen Schmäh, riefen aber trotzdem unseren Sohn in Wien an und erzählten ihm davon.
„Ignoriert solche Anrufe“, sagte er.
Dann aber kreuzten wieder zwei Wiener Polizisten bei ihm auf und wollten ihn überprüfen. Er hat seine gesamten Papiere in einer Mappe und die zeigte er vor.
„Kann es sein“, fragte er, „dass ich jetzt in Ruhe gelassen werde und auch meine Eltern?“
„Wir entschuldigen uns für das Versehen“, sagten die Wiener Polizisten.“ Sie würden sich auch mit der hiesigen Polizei absprechen und den Fall zu den Akten legen.
„Zu welchen Akten?“, fragte mein Mann. „Haben wir Akten bei der Polizei?“
Es läutete an der Tür und die Ölmänner brachten das Öl. Ich stellte das ausgestopfte Eichhörnchen wieder auf das Bücherbord, und goss heißes Wasser auf die duftenden Teeblätter.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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