Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Kommentar: Femizid – ein problematischer Begriff

Vorarlberg / 12.03.2026 • 07:44 Uhr

Am Weltfrauentag, dem 8. März, wurde auch dieses Jahr das Thema „Gewalt gegen Frauen“ zurecht in den Mittelpunkt gerückt. Dabei fokussierte sich die Diskussion wie so oft auf den Femizid als die extremste Form geschlechtsspezifischer Gewaltausübung. So verständlich dies angesichts der weltweit tief verankerten patriarchalen Macht- und Ungleichheitsverhältnisse ist, wird die Beschränkung auf das feministisch geprägte Femizidkonzept der Erklärung von Gewalt gegen Frauen allein nicht gerecht.

Wörtlich heißt der in der Wissenschaft schon lange verwendete Begriff „Tötung einer Frau“, ganz unabhängig von den Motiven. In den 1970er-Jahren erhielt er durch die Soziologin Diana Russell, welche auf strukturelle Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen wollte, eine spezifische Bedeutung. Diese fand 2011 durch die Istanbul-Konvention, einem Übereinkommen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, internationale Anerkennung. Femizid wurde nun als vorsätzliche Tötung einer Frau oder eines Mädchens aufgrund ihres Geschlechts definiert, als „Tötung einer Frau, weil sie Frau ist“.

Die sich stark am männlichen Bedürfnis nach Macht und Kontrolle orientierende Sichtweise trifft in der Praxis für einen Teil der Frauentötungen unzweifelhaft zu. In der Praxis kommen aber viele andere Motive wie allgemein zwischenmenschliche und emotionale Probleme, falsche Männerbilder, neurotische oder psychotische Täterschaften oder auch Sucht als oft übersehener Faktor zum Tragen. Häufig geht es – um den deutschen Wissenschaftler H.L. Kröber zu zitieren – bei der Tötung der Partnerin um das „katastrophale Ende oft jahrelanger Beziehungen, die als Liebesbeziehungen angefangen haben und über längere Zeit Stabilität hatten und die kein Herr-Dienerin-Verhältnis waren“. Oder wie passt die einseitige Femizid-Auslegung zu der häufigsten Ursache von Frauentötungen durch Männer, den Krieg:  So wurden seit Beginn des Gaza Konfliktes nach einer Uno-Schätzung mehr als 28 000 Frauen und Mädchen getötet und in der Ukraine haben mindestens 2500 zivile Frauen durch den russischen Angriff das Leben verloren. Gewalt gegen Frauen ist eines der größten Probleme in unserer Gesellschaft. Ideen, wie Frauen mehr und besser geschützt werden können, sind gefragter denn je. Wenn man sich dabei aber ausschließlich auf das feministische Femizidkonzept bezieht, wird man nur einen Teil der Ursachen erfassen und nicht umfassende Vorbeugemaßnahmen treffen können.

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.