Kolumne: Jetzt und immer
Seine Mutter starb, da war er sechs Jahre alt und klüger als zwei Jahre zuvor, als sein Vater gestorben war. Die Mutter lag auf der linken Seite des Ehebetts, die für den Vater vorbehalten gewesen war. Sie ruhte auf dem Kissen, und der Bub, der Roman hieß, dachte sich, sie schläft nur. Ihre Schminksachen lagen ausgeleert auf dem Boden, als hätte sie etwas gesucht und nicht gefunden. Wahrscheinlich einen Lippenstift. Sie war zu müde gewesen, die Utensilien wieder einzusammeln, einige waren unter das Bett gerutscht, oder sie hatte keine Lust gehabt aufzuräumen, wie so oft, zum Beispiel in der Küche, wo sie das Geschirr aus der Spülmaschine ausgeräumte und einfach auf den Tisch stellte, und wenn da kein Platz mehr war, auf den Boden. Sie musste die Beine heben, um nichts kaputt zu machen. Roman räumte auf, jedes Mal.
Also, die Mutter, die er schön fand wie ein Bild eines Filmstars aus einer Illustrierten, hatte die Augen offen. Roman ging um das Bett herum zu ihr hin, legte seinen Lockenkopf auf ihre Brust und hörte nichts. Sie atmete nicht.
Er sagte: „Mama, Mamale, sag etwas!“
Sie rührte sich nicht.
Er drückte mit seinem Zeigefinger die Augen zu, und bei einem Lid gab es eine Delle, die ihm nicht gefiel. Er war ganz ruhig. Er hatte gesehen, wie der Doktor dem Vater die Augen zugedrückt hatte, und es hatte keine Delle gegeben. Er holte einen Spiegel und hielt ihn der Mutter vor den Mund. Der Spiegel beschlug sich nicht, er blieb klar. Auch das hatte der Doktor beim Vater gemacht, und auch sein Spiegel hatte sich nicht beschlagen. Also tot.
„Mama, Mamale“, sagte Roman, „muss ich jetzt und immer alles allein machen?“
Er zog seine kleinen Cowboystiefel an, die zweifarbigen, und nahm die Fransenjacke vom Haken.
Dann verließ er das Haus. Nein. Er ging wieder zurück, um noch einmal nach seiner Mutter zu sehen. Er holte ihren Geldbeutel aus der Schublade und verließ nun endgültig das Haus. Ohne abzusperren.
Er war noch nicht einmal ein Schulkind. Er ging zum Rhein hinunter, spazierte am Wasser entlang, sah die Bäume, die vom Bieber rundum angebissen und umgefallen waren. Er achtete darauf, seine Stiefel nicht schmutzig zu machen.
Einen Mann traf er, der sagte: „Bist du ein Cowboy? Du siehst ja aus wie ein Cowboy. Nur der Hut fehlt. Sollen wir dir einen Hut besorgen?“
„Nein“, sagte Roman, „ich tu nur so.“
„Wem gehörst du?“, fragte der Mann. „Wie heißt dein Vater, wie heißt deine Mutter, wie ist eure Adresse?“
Da stiegen dem Bub die Tränen auf, und weil er sich darüber schämte, rannte er, so schnell er konnte bis zum Steinwerk, dort ließ er sich in den Sand fallen und stellte sich tot. Ich tu so, dachte er. Ich tu nur so.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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