Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Morgenland – eine Geschichte in zehn Teilen, neunter Teil

Vorarlberg / 22.07.2026 • 08:24 Uhr

Im Zug nach Hamburg erzählte mir eine Frau die folgende Geschichte:

Amir wollte mich retten. Vor der ewigen Verdammnis.

„Und du, Amir, du glaubst an die ewige Verdammnis?“

Das sei nicht die richtige Frage, sagte er. Die richtige Frage sei, ob es die ewige Verdammnis gebe, und nicht, ob ich an sie glaube. Ich merkte, dass er sich in einen Wirbel geredet hatte. Aber ich merkte auch, dass er totunglücklich war. Ich sagte zu Amir, dass ich ihn nicht verstehen könne, schließlich wolle er mich zu seiner Frau und ich ihn zu meinem Mann. Er hörte nicht auf.

Er brachte Eymen zu mir, als ich allein zu Hause war. Der Junge war so scheu, er nahm meine Hand und sagte, Amir habe es ihm versprochen. Amir habe gesagt, es sei für ein Leben wichtig, mit wem ein Mann zum ersten Mal schlafe. Davon hänge alles Glück eines Mannes ab. Und er habe gesagt, es gebe keine bessere Frau als mich. Ich wollte sagen: He, weißt du denn nicht, dass Amir und ich heiraten wollen? Dass wir einander seit unserem ersten Schrei versprochen sind? – Warum habe ich das nicht gesagt? Stattdessen zeigte ich ihm meine Zahnlücke vorne. Die habe ich von Anfang an. Immer habe ich darunter gelitten.

„Ich bin nur halbwegs hübsch“, sagte ich.

Nein, sagte Eymen, Amir wolle, dass ich seine erste Frau werde.

Es kam nicht dazu. Eymen und ich saßen in unserer Unterwäsche auf dem Sofa. Da stürzte Amir herein und riss mich an sich und sagte, wie enttäuscht er von mir sei. Und ich sagte, dass ich enttäuscht von ihm sei. Und wir waren uns einig, dass es überhaupt nichts zu bedeuten hatte, dass wir gemeinsam und gleichzeitig und zum ersten Mal die Welt angeschrien hatten.

Aus.

Vorbei.

Das war die Prüfung gewesen. Ich stieß Amir von mir und wollte ihn nie wiedersehen. Was mit dem armen Eymen geschah, weiß ich nicht.

Die Gesundheit meiner Mama verschlechterte sich, sie wurde mager, und wenn sie in ihrem Rollstuhl saß, glaubte man, sie verschwinde. Bald würde sie sterben, und davor fürchtete ich mich. Noch so viel wollte ich mit ihr besprechen! Sie starb, und wir hatten uns nur mehr die Hand gehalten. Sie führte die meine an ihr Herz und schloss die Augen. Kurt war sehr traurig über ihren Tod, und er vermisste sie, sagte, sie war ein Sonnenstrahl in seinem armseligen Leben.

Ich sagte zu ihm. „Nein, Kurt, dein Leben ist nicht armselig. Du hast zwei Töchter, die dich  lieben.!

Die Beerdigung richtete der Vater von Amir aus, wie er schon die von meinem Papa ausgerichtet hatte.

Meine Mama wurde in weiße Tücher gewickelt und lag auf der rechten Seite.

Ihre Füße zeigten in Richtung Mekka.

Ich trug ein schwarzes, weites Kleid, das meinen ganzen Körper bedeckte.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.