Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Morgenland – eine Geschichte in zehn Teilen, zehnter Teil

Vorarlberg / 28.07.2026 • 17:19 Uhr

Im Zug nach Hamburg erzählte mir eine Frau die folgende Geschichte:

Von Amir hörte ich lange nichts mehr. Kurt tröstete mich, wir heirateten, und er schenkte mir, oder ich ihm, wie man es sehen will, zwei Töchter, die helle Haare hatten wie ihr Vater. Ich blieb bei Kurt, bis die Mädchen auszogen, um zu studieren. Dann trennten wir uns. Nach zwanzig Jahren. Und ließen uns scheiden. So. Kurt war sehr fair. Er war immer in seinem Leben ein Ehrenmann. Wären alle Menschen wie Kurt … Ich rede nicht weiter, es wäre nur abgedroschen.

Und jetzt sitze ich neben Ihnen, als wären Sie die Freundin, die ich nie hatte, und erzähle Ihnen was ich noch nie jemandem erzählt habe. Wer sind Sie? Sagen Sie es nicht. Sie sind da. Das genügt mir.

Wir fuhren auf Hamburg zu. Ayse berichtete, sie habe erfahren, Amir lebe immer noch oder wieder in Hamburg. Unter welchen Umständen wisse sie aber nicht. Sie wolle ihn sehen. Sie müsse ihn sehen. Es habe eben doch alles eine Bedeutung. Es schreien nicht zwei Neugeborene in derselben Minute die Welt an, und dann soll man glauben, es bedeute nichts. Das habe sie eingesehen. Ob gut oder schlecht. Was man sei, das sei man eben. Und sie sei eine, die im ersten Schrei mit einem anderen in dessen erstem Schrei zur Welt gekommen sei.

Sie ging zur Toilette, und als sie wieder zurückkam, hatte sie kein Kopftuch mehr, ihr Haar trug sie offen. Sie öffnete ihren Koffer und nahm eine schwarze enge Hose heraus, Schuhe mit Absätzen. Wir waren allein im Abteil, aber sie bat mich, mich vor sie zu stellen. Sie zog die Hose an, eine Bluse mit Rüschen, legte den braven Rock in den Koffer. Sie zeigte mir ihre Figur, und die war gut. Ich sagte nichts. Ach, wir Frauen! Wir zwei alten Frauen! Sie bat mich, ihren Spiegel zu halten. Sie verwendete Kajal, der die Augen dunkel und geheimnisvoll machte, tupfte Rot auf die Lippen, wischte es aber gleich wieder weg. Sie fragte mich, ob ich ein Make-up habe, sie habe nie eines verwendet. Ich kramte in meiner Tasche und schenkte ihr mein Döschen. Fertig geschminkt war sie kaum wiederzuerkennen. Sie schaute mich an, machte die Wangen schmal, senkte die Lider. Sie wechselte die Schuhe und warf den Kopf zurück. Schaute mich wieder an. Ich nickte.

„Soll ich mein Patschuli auftragen?“, fragte sie.

„Nein“, sagte ich, „das ist nicht notwendig.“

„Sie meinen zu viel Orient?“

„Daran habe ich nicht gedacht.“

„Sie haben recht, zu viel Orient.“

Am Taxistand gab sie mir ihre Handynummer. Wir fuhren in verschiedene Richtungen. Ich sah ihr nach und sah, wie zwei junge Männer sie mit einer Handbewegung beurteilten.

Oft habe ich an sie gedacht, aber nie bei ihr angerufen. Sie hatte keine Handynummer von mir. Manchmal dachte ich, morgen melde ich mich bei ihr. Nie habe ich es getan. Vielleicht morgen …

Ende.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.