Kommentar: Zuversicht in unsicherer Zeit
Wir leben in einer Zeit, in der Verunsicherung um sich greift. Klimawandel, technologische Umbrüche, wirtschaftliche Sorgen, Zuwanderungsprobleme, Krieg vor der Haustür und eine mit negativen Nachrichten überladene Informationsflut erschüttern unser Sicherheitsgefühl und Vertrauen. Eine Generation, die sich bisher im goldenen Zeitalter wähnte, muss erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass wir auch in Österreich auf keiner Insel der Seligen leben, dass uns die Globalisierungsnachteile nicht verschonen, Katastrophen vor unserer Grenze nicht haltmachen und selbst unser wichtigster Rohstoff, das Wasser, nicht mehr grenzenlos zur Verfügung steht. Dies führt in der Bevölkerung zu einer Grundstimmung der Verunsicherung, die nicht nur unser Denken, sondern auch das seelische Befinden erfasst.
Verunsicherung entsteht, wenn vertraute Gewissheiten erschüttert werden, wenn man Bedrohungen nicht richtig einschätzen kann und das Gefühl der Kontrolle verloren geht. Sie äußert sich als diffuse Besorgnis und Bedrücktheit, als innere Unruhe und Gereiztheit, vor allem aber als Angst, den Rückhalt zu verlieren. Verunsicherung führt aber auch zu Misstrauen, zu Schuldzuweisungen und zum Wunsch nach radikalen Lösungen.
Gerade in solchen Zeiten brauchen wir Zuversicht, also das innere Vertrauen, auch unter widrigen Bedingungen einen gangbaren Weg zu finden und Herausforderungen gewachsen zu sein. Zuversicht ist nicht naiver Optimismus. Vielmehr nimmt sie alle Gefahren genau wahr und verdrängt die Probleme nicht, gibt uns aber das Gefühl, diesen nicht hilflos ausgeliefert zu sein und Schwierigkeiten überwinden zu können. Sie baut auf das, was man in der Psychologie als Selbstwirksamkeit bezeichnet: Die Überzeugung einer Person, einer Gruppe oder einer Gesellschaft, durch eigenes Handeln kritische Situationen bewältigen und gewünschte Veränderungen herbeiführen zu können.
Zuversicht ist zudem eine Form der Resilienz, der innerer Widerstandskraft. Sie hilft uns, Ängste auszuhalten, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen. Während Hoffnung, die bekanntermaßen zuletzt stirbt, auf eine gute Wendung wartet, vertraut Zuversicht mehr auf die eigenen Kräfte und Möglichkeiten, die jede und jeder von uns auch in Krisenzeiten wie der gegenwärtigen Dürre hat. Denn Zuversicht, die zu den wichtigsten menschlichen Ressourcen zählt, heißt nicht, den Sturm zu leugnen, sondern darauf zu vertrauen, dass man ihn durchstehen und vielleicht sogar gestärkt aus ihm herauskommen kann.
Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.
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