“Sparen auf Kosten einer Randgruppe”

Vorarlberg / 25.09.2026 • 15:10 Uhr
"Sparen auf Kosten einer Randgruppe"
v.l.: Judith Längle, Elisabeth Minatti, Mia Pfefferkorn und Martina Kramer. VN/Steurer

Pädagoginnen des LZH-Kindergartens finden deutliche Worte für die Schließung.

Dornbirn Der Kindergarten im Landeszentrum für Hörgeschädigte in Dornbirn steht vor dem Aus. Die VN berichteten.  Für die vom Land als „konkreten Schritt in Richtung eines inklusiven Bildungssystems“ beworbene Maßnahme, laut der die Kinder ab 2027 in den Kindergärten ihrer jeweiligen Heimatgemeinde betreut werden sollen, findet das Team des Kindergartens allerdings weniger freundliche Worte. „Wo bleibt bei dieser Entscheidung der Blick auf die einzelnen Kinder und ihre tatsächlichen Bedürfnisse?“, fragen sich Martina Kramer und ihre Kolleginnen, Elisabeth Minatti, Mia Pfefferkorn und Judith Längle. Sie wurden erst mit Schulbeginn über die endgültige Schließung informiert. „In einem Brief bekamen wir mitgeteilt, dass es vom Land und der Stadt Dornbirn keine Unterstützung mehr gibt“, erzählt Kramer. Sie seien auch nicht gefragt worden, ob sie im mobilen Angebot mitarbeiten möchten. Sie wären nicht abgeneigt, bestätigen die langjährigen Pädagoginnen im VN-Gespräch, aber die Bedingungen müssten passen. „Wir fühlen uns dem LZH sehr verbunden, und es macht jeden Tag Freude zu sehen, was wir bei den Kindern bewirken können.“

"Sparen auf Kosten einer Randgruppe"
VN

Die neue Betreuungsvariante sehen die Frauen jedoch kritisch. Sie rechnen vor, dass von den angekündigten 1970 mobilen Unterstützungsstunden für jene hörbeeinträchtigten sieben Mädchen und Buben aus dem LZH-Kindergarten gerade einmal 7,8 Wochenstunden übrigbleiben. „Abzüglich Gespräche mit Pädagoginnen und Pädagogen sowie Elternarbeit gibt es möglicherweise nur rund vier Stunden direkter Unterstützung“, ergänzt Martina Kramer. Derzeit stehen den Kindern 35 Wochenstunden mit geschultem Personal und integrierten Therapieangeboten zur Verfügung.

"Sparen auf Kosten einer Randgruppe"
philipp steurer

Der Kindergarten im LZH muss per Juli 2027 schließen. Grund ist der Rückzug des Lands aus den Personalkosten. Auch Gespräche mit der Stadt Dornbirn, um die sich Direktor Johannes Mathis noch bemüht hatte, scheiterten. Damit würden der seit 1989 bestehenden Einrichtung rund 200.000 Euro fehlen. Die Pädagoginnen stellen Einsparungen durch das Land nicht infrage, bezweifeln jedoch, dass diese Lösung günstiger kommt. Sie sehen vielmehr ein Sparen auf Kosten einer Randgruppe. „Den Einsparungen im LZH stehen sieben zusätzliche Integrationsplätze, zusätzlich benötigtes und zu schulendes Personal sowie die mobilen Unterstützungsstunden gegenüber. Dazu kommen Fahrtzeiten, individuelle Förderpläne sowie die notwendige Zusammenarbeit mit den jeweiligen Einrichtungen und Familien“, gibt Martina Kramer zu bedenken. Ob diese Rechnung für das Land tatsächlich aufgeht, sollte transparent dargestellt werden, denn: „Billiger für das Land bedeutet nicht automatisch günstiger für das System und schon gar nicht besser für die betroffenen Kinder.“

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60 Kinder in Betreuung Aktuell werden durch das LZH landesweit 60 Kinder mit Hörbeeinträchtigungen im Alter von null bis sechs Jahren betreut. „Der größte Teil besucht bereits Einrichtungen in der Nähe des Wohnorts und wird teilweise mobil betreut“, betont Martina Kramer. Das LZH arbeite schon seit Jahrzehnten darauf hin, dass Kinder mit Hörbeeinträchtigungen in ihren Gemeinden leben, lernen und Freundschaften schließen könnten. „Doch sieben Kinder benötigen derzeit dringend einen Kindergartenplatz im LZH“, führt sie weiter aus und nennt als Gründe unter anderem Hörbeeinträchtigung oder Gehörlosigkeit, Mehrfachbeeinträchtigungen sowie eine besondere Kommunikationssituation mit gehörlosen Elternteilen. „Als betroffene Pädagoginnen wünschen wir uns, dass nicht nur über Zahlen, Stunden und Kosten gesprochen wird. Wir wünschen uns, dass endlich wieder die Kinder im Mittelpunkt stehen“, fasst Martina Kramer zusammen. Bevor über die Schließung des LZH-Kindergartens entschieden wird, sollte ihrer Meinung nach nicht gefragt werden, was rechnerisch möglich ist, sondern, was diese sieben Kinder tatsächlich brauchen: „Die ersten sechs Lebensjahre sind für die Sprachentwicklung von entscheidender Bedeutung. Für Kinder mit Hörbeeinträchtigung ist eine frühzeitige, kontinuierliche und gezielte Sprachförderung besonders wichtig, denn sie schafft die Grundlagen hin zu einem möglichst selbständigen Leben.“