Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Die stille Strategie

Vorarlberg / 14.10.2026 • 15:19 Uhr

Wenn wir Umfragen vertrauen dürfen, vereint die FPÖ derzeit mehr Zustimmung auf sich als die Regierungsparteien gemeinsam. Können wir Umfragen vertrauen? Jein. Erstens finden Wahlen nicht kommenden Sonntag statt, sondern am Ende der Legislaturperiode oder nach vorzeitiger Auflösung des Nationalrates. Geplant also im September 2029, vielleicht aber auch schon rund um die Landtagswahl in Oberösterreich in einem Jahr. Zweitens gibt es die Schwankungsbreite. Die FPÖ kann also mit der gleichen Wahrscheinlichkeit bei 37 wie bei 43 Prozent oder irgendwo dazwischen liegen. Umgekehrt können sich für die Koalitionsparteien gemeinsam 30, 39 oder 48 Prozent ergeben. Das mag nur für Statistikfans interessant sein. Eine aufgeklärte Bevölkerung muss aber wissen, dass die Botschaft hinter den Zahlen nicht absolut gültig ist, sondern gerne aufgrund ihrer Schlagzeilentauglichkeit abgeleitet wird.

„Allein an der Kommunikationsstrategie Kickls wird deutlich, dass ihm nur ein Teil der Bevölkerung am Herzen liegt.“

Die Tendenz bei Umfragen allerdings stimmt. Die Stimmung für die Regierung ist schlecht, jene für die FPÖ gut. Und Parteien neigen dazu, schlechte Umfragewerte zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu machen. Die SPÖ hat das in den vergangenen Tagen eindrucksvoll vorgemacht. Wer ständig öffentlich über seine Schwäche diskutiert, verstärkt den Eindruck der Schwäche. Und überlagert unter Umständen die Führungsdebatte in anderen Parteien – wie der ÖVP. In Wahrheit wankt Bundeskanzler Christian Stocker unter dem Druck seiner mächtigen Landesparteien genauso.

Während Regierung und Medien die Umfragen analysieren, macht einer bemerkenswert wenig: Herbert Kickl. Kaum Interviews, wenige Pressekonferenzen, selten längere journalistische Gespräche. Der in Umfragen dominante Oppositionsführer sucht den klassischen medialen Raum nur sehr dosiert auf. Eine Entwicklung, die sich bei rechtspopulistischen Parteien in vielen europäischen Ländern beobachten lässt. Der direkte Weg zum Publikum erscheint attraktiver als das Gespräch mit Journalisten. Soziale Medien bieten Reichweite ohne Zwischenfragen. Die Partei bestimmt Themen, Tonfall und Timing selbst. Widerspruch ist optional. Und im Bierzelt sorgt Polemik und Übertreibung für gute Laune – auf Kosten der Abwesenden, denen keine Gelegenheit zur Gegenrede gewährt wird. Der Rückzug aus dem journalistischen Raum erfüllt noch einen anderen Zweck. Er erleichtert die Opferrolle. Wer selten im klassischen Mediensystem auftritt, kann leichter behaupten, dort nicht ausreichend vorzukommen. Die selbst verursachte fehlende Berichterstattung wird zum vermeintlichen Beweis für Ausgrenzung und ideologische Schieflage. Allein an dieser Kommunikationsstrategie Kickls wird deutlich, dass ihm nur ein Teil der Bevölkerung am Herzen liegt. Jene, die ihm zujubeln und ihn nicht hinterfragen. Alle anderen werden von der FPÖ ausgegrenzt, indem sie nicht einmal mehr das Gespräch mit ihnen suchen.

FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin, lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.