Ein Aufreger mit Wirkung

Andreas Guth organisiert den Krüppelball mit und freut sich auf hohen Besuch.
lauterach. (VN-mm) Krüppelball: Darf etwas Lustiges eine so hässliche Bezeichnung führen? „Nein“, meinten viele. Entsprechend groß war die Entrüstung, als es eine Gruppe von Menschen mit Behinderung trotzdem wagte, unter diesem Titel eine Faschingsveranstaltung zu organisieren. „Wir bekamen zahlreiche böse Anrufe“, erinnert sich Andreas Guth an die Aufregung damals, die dennoch ihr Gutes hatte. „Es wurde über uns und unsere Anliegen geredet“, erklärt der Obmann des Vereins „Reiz – Selbstbestimmt Leben“ den Hintergrund einer bewusst inszenierten Provokation. Heute empört sich niemand mehr über den Begriff.
Der Krüppelball ist eine Institution geworden. Am kommenden Freitag gibt es in der Otten Gravour in Hohenems die bereits sechste Auflage. Mit Behindertenanwalt Dr. Erwin Buchinger wagt sich erstmals sogar Bundesprominenz in den wilden Westen, wie das Ballmotto lautet. Cowboy, Indianer oder Sheriff? Andreas Guth redet zwar gerne, in welcher Kostümierung er auf dem Ball auftaucht, verrät er aber nicht. Was das betrifft, grinst und schweigt der Liebhaber guter Bluesmusik.
Selbstbewusstsein
Andreas Guth leidet seit Geburt an einer cerebralen Bewegungsstörung. Auch sein Sprechvermögen ist deutlich eingeschränkt. Doch der Lauteracher hat genug Selbstbewusstsein und gibt seinen Gesprächspartnern gleich am Anfang zu verstehen, dass sie nachfragen, sollte etwas nicht klar sein. Allzu oft braucht es das Nachhaken nicht. Er weiß sich zu artikulieren, und vor allem kennt er die Thematik sehr genau. Seit 25 Jahren befasst er sich damit, hat Vorträge zur Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung gehalten, hat über Integration und Inklusion aufgeklärt. Sein Resümee: „In der Gesellschaft ist schon eine Veränderung spürbar.“ Auch die UN-Behindertenkonvention sei hilfreich.
Gleichzeitig ortet Andreas Guth jedoch immer noch „Ausgrenzung, Separation und Vorbehalte“ gegenüber seinesgleichen. Auch er musste um seinen Platz kämpfen. Besuch der Sonderschule, dann war vorerst Schluss. „Ich hatte keine Chance auf eine Arbeitsstelle“, erzählt Andreas Guth. Mit 18 übersiedelte er schließlich nach Linz, wo er die Möglichkeit geboten bekam, den Hauptschulabschluss nachzuholen. Anschließend arbeitete er in einem Büro. Seit 1994 ist er in der Amtsbibliothek der Landesregierung beschäftigt.
Ehrenamtliches Engagement
Im vergangenen Herbst übernahm er von Reinhard Zischg die Obmann-Funktion beim Verein „Reiz – Selbstbestimmt Leben“. Andreas Guth ist außerdem eines von vier Mitgliedern, die den Verein 2003 gründeten. Sein Engagement bei „Reiz“ erfolgt auf ehrenamtlicher Basis. Was den Krüppelball angeht, „für den es noch Karten gibt“, wie der Obmann zwischendurch schnell einfügt, sei das keine eigene Erfindung. „Krüppelbälle gab es schon lange vorher“, so Guth. Sie entstanden aus der Krüppelbewegung, der Vorläuferin der Selbstbestimmt-Leben-Initiative. Denn: „Wir wollten und wollen nicht bemitleidet werden.“
Hinter der Idee mit dem Krüppelball stand jedoch noch eine ganz andere Intention. „Unser Ziel war eine Veranstaltung, zu der jeder kommen kann, wie er ist“, sagt Andreas Guth. Und so kam es. Dass es inzwischen auch ein Stammpublikum gibt, das den ganzen Fasching über nur auf einen Ball, nämlich den Krüppelball geht, freut ihn besonders. „Bei uns fällt niemand auf“, merkt der Reiz-Obmann zu guter Letzt noch sichtlich vergnügt an.
In der Gesellschaft ist schon eine Veränderung spürbar.
Andreas Guth
Zur Person
Andreas Guth
Geboren: 12. März 1973 in Bregenz
Wohnort: Lauterach
Beruf: Landesangestellter
Funktionen: Obmann des Vereins „Reiz – Selbstbestimmt Leben“
Hobbys: Radfahren, Lesen, der Besuch von Blues-Konzerten