Krokodil und sanfter Kern

Wetter / 13.11.2014 • 17:57 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Nebeyou Zennebe gehört schon fast zum Inventar des Kaplan-Bonetti-Hauses. Dort ist er für alles und alle da. Foto: VN/Hofmeister

Nebeyou Zennebe gehört schon fast zum Inventar des Kaplan-Bonetti-Hauses. Dort ist er für alles und alle da. Foto: VN/Hofmeister

Seit über 20 Jahren ist Nebeyou Zennebe beim Kaplan-Bonetti-Werk als Hausmeister tätig.

dornbirn. (VN-mm) Seinen Vornamen buchstabiert Nebeyou Zennebe in lupenreinem Deutsch. Was jedoch nicht nur daran liegt, dass er seit bald 30 Jahren in Vorarlberg zu Hause ist. Der  Äthiopier hatte auch das Glück, in seiner Geburtsstadt Addis Abeba eine deutsche Schule besuchen zu können. Die wurde nach dem Sturz des Kaisers vom damaligen Militärregime zwar geschlossen, was er dort lernte, konnte Nebeyou Zennebe jedoch niemand mehr wegnehmen. Allerdings musste der junge Mann aus seiner Heimat flüchten, weil er sich dem Militärdienst verweigerte. „Ich wollte nicht auf meine Leute schießen“, begründet er.

Über Wien und Innsbruck kam er nach Dornbirn. Seit Oktober 1991 arbeitet Nebeyou im Kaplan-Bonetti-Wohnhaus als Hausmeister und ist damit der längstdienende Mitarbeiter dieser Einrichtung.

Leben in Addis Abeba

Heute wird das neu errichtete Gebäude offiziell seiner Bestimmung übergeben. Hell, freundlich und lichtdurchflutet präsentiert es sich dem Besucher. „An dem Haus etwas zu tun, war kein Schaden“, meint Nebeyou Zennebe, während er die Tür zur Teeküche aufschließt. Trotz der spartanischen Einrichtung verströmt auch sie eine gemütliche Atmosphäre. Nebeyou lässt sich auf einem Stuhl nieder. Er lächelt und fragt: „Was möchten Sie denn wissen?“ Dann erzählt er vom Leben in Addis Abeba, von seinem Vater, der Chirurg in einem Militärkrankenhaus war, seiner Mutter, die aus der Provinz Eritrea stammte, mit der Äthiopien zu jener Zeit einen Bürgerkrieg führte, und seinem Bruder, der bei einem Ausreiseversuch erwischt wurde. Dass er nur ein Jahr ins Gefängnis musste und danach die Ausreisegenehmigung erhielt, verdankte er einem Polizeichef, dem Nebeyous Vater einmal das Leben gerettet hatte.

Bald darauf verließ auch Nebeyou seine Heimat. Nur die Eltern blieben. Über Wien kam er nach Innsbruck, wo inzwischen sein Bruder wohnte. „Eigentlich wollte ich nach Deutschland“, sagt Nebeyou Zennebe. Doch schließlich wurde es Dornbirn. Einfach gestaltete sich der Start für den Afrikaner hier aber keineswegs. „Es war vor allem schwer, eine Arbeitsgenehmigung zu erhalten“, erinnert sich der bekennende Schrebergärtner. Fünf Jahre arbeitete Nebeyou im Autohaus Wohlgenannt als Mechaniker. Bis, ja bis ihn Kaplan Emil Bonetti rief.

Vertrauensvoller Umgang

Noch heute ist der freundliche Mann allen dankbar, die ihm Unterstützung zukommen ließen. „Es waren viele“, fügt er leise an. Und weil er weiß, wie es sich anfühlt, auf Hilfe angewiesen zu sein, würde ihm nie in den Sinn kommen, die Bewohner des Kaplan-Bonetti-Hauses als Versager zu bezeichnen. Denn: „Hinter jedem dieser Menschen steckt ein Schicksal.“ Viele hat er bei Kaplan Bonetti ein- und ausgehen sehen. Aus allen Schichten sind sie gekommen, kommen sie. Er hilft, wo er kann, und sie vertrauen ihm. „Mit der Zeit schafft man sich eine Krokodilshaut“, antwortet Nebeyou auf die Frage, wie er das aushält. Doch Nebeyou ist ein Krokodil mit sanftem Kern.

Früher hielt sich Nebeyou fast rund um die Uhr im Haus der Jungen Arbeiter, wie es damals hieß, auf. War etwas, wurde er gerufen. Heute ist mehr Personal da. Die Arbeitszeiten sind geregelter. Eine Erleichterung für den zweifachen Vater, der sich ohne Zögern als „Mädchen für alles“ bezeichnet. Er tut seine Arbeit, und er tut sie gerne. Dass sich seinesgleichen aber immer noch mehr anstrengen muss, um Anerkennung zu finden, schmerzt ihn manchmal sehr.

Hinter jedem dieser Menschen steckt ein Schicksal.

Nebeyou Zennebe

Zur Person

Nebeyou Zennebe

Geboren: 19. Dezember 1960 in Addis Abeba

Wohnort: Dornbirn

Familienstand: verheiratet, 2 Kinder

Beruf: Haustechniker

Hobbys: Schrebergarten, Fußball