Talent für das Schauspiel

Michel Pohl spielt bei den Passionsspielen in Klösterle die Hauptrolle. Er gab gestern erstmals den Jesus.
Klösterle. (VN-jun) Große Tannen ragen hinter der imposanten Kulisse in den Himmel. Die Sonne scheint durch die Bäume. In einem weißen Gewand, mit langen Haaren und Vollbart schreitet Michel Pohl auf die Freilichtbühne in Klösterle. Seine Gestik und Mimik gleichen der des Jesus von Nazareth. Kein Wunder, denn für seine Rolle als Sohn Gottes bei den Passionsspielen hat der 39-Jährige auch knapp ein Jahr lang geübt. „Ich habe bereits seit Juni 2016 jede freie Minute damit verbracht, den Text auswendig zu lernen. Das sind schon einige Seiten“, berichtet er. „Ich lag im Sommerurlaub in Kroatien unter dem Sonnenschirm und habe gebüffelt.“ Seine Frau Dorota hat ihn dann immer und immer wieder abgefragt, bis der Text schließlich im Dezember 2016 saß. Mittlerweile passen auch jeder Schritt und jede Geste dazu.
„Der Text ist die eine Herausforderung, die andere ist es, die Emotionen rüberzubringen und die schauspielerische Leistung abzurufen. Es muss alles zusammenpassen“, meint Pohl, der wie alle anderen Darsteller Laie und kein professioneller Schauspieler ist. Mehr als 200 Kinder, Jugendliche und Erwachsene vor allem aus dem Klostertal wirken bei den vierten Passionsspielen in Klösterle vor und hinter den Kulissen mit. Der jüngste Darsteller ist gerade einmal neun Monate, der älteste 91 Jahre alt. „Ich bin nur ein kleiner Teil des großen Ganzen. Alle tragen dazu bei, dass es gelungene Aufführungen werden“, sagt der Neo-Klostertaler.
Jesus aus dem Morgenland
Pohl, dessen Vater aus Deutschland und dessen Mutter aus dem Iran stammen, wurde 1978 in Teheran geboren. Anschließend zog die Familie nach Bayern. Hier wuchs Pohl auf, ehe er seine heutige Frau kennenlernte und sie 1999 nach Vorarlberg zogen. Seitdem wohnt er gemeinsam mit ihr und den zwei Kindern Natalia (10) und Maja (8) in Wald am Arlberg. Bereits im Jahr 2012 stand die ganze Familie bei den Passionsspielen auf der Bühne, der Vater spielte damals einen Priester. „Den Kindern hat es enorm Spaß gemacht, und so war das für die ganze Familie eine schöne Zeit“, erzählt er. „Es war eine tolle Erfahrung. Die Gemeinschaft ist einfach super. Ich habe viele Leute vom Tal kennengelernt.“ Deshalb stand für die Familie schnell fest, dass sie auch heuer wieder mitspielen wird. Dass Pohl die Hauptrolle übernehmen soll, war so nicht vorgesehen. Anfang 2016 fragte ihn dann Oswald Wachter, zweiter Jesus-Darsteller und Regieassistent der Passionsspiele, ob er sich vorstellen könnte, den Sohn Gottes zu spielen.
Denn schon 2012 fiel ihm Pohl in der Rolle des Priesters mit klarer Stimme, einem Naturtalent für Schauspielerei und vor allem mit viel Freude am Spiel auf. „Jesus zu spielen, ist eine große Aufgabe. Deshalb musste ich mir das erst gut überlegen und mit meiner Familie besprechen“, erinnert er sich. „Vier Wochen später habe ich dann zugesagt.“ Seitdem lässt Pohl Haare und Bart wachsen, schließlich muss er auch äußerlich wie Jesus aussehen.
In den vergangenen Wochen wurde es dann ernst, denn die Premiere der Passionsspiele, die gestern, am Freitag, über die Bühne ging, rückte immer näher. „Meine Passion ist jetzt wirklich die Passion“, sagt Pohl, der in den nächsten vier Wochen in acht von 13 Vorstellungen den Jesus spielt.
Ich bin nur ein kleiner Teil des großen Ganzen.
Michel Pohl
Zur Person
Michel Pohl
Geboren: 7. Mai 1978 in Teheran
Wohnort: seit 1999 Wald am Arlberg
Laufbahn: Staatliche Wirtschaftsschule, IT-Techniker, Analytik und Verkauf bei X-business in Lustenau
Familie: verheiratet, zwei Kinder
Hobby: Zeit mit der Familie
Termine und Tickets für die Passionsspiele 2017 unter
www.passionsspiele2017.at