Reiz des Vergänglichen

Wissen / 13.05.2016 • 18:54 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Über 130 Millionen Menschen weltweit nutzen täglich Snapchat – die elfjährige Anna-Lena ist eine von ihnen.  Foto: Steurer
Über 130 Millionen Menschen weltweit nutzen täglich Snapchat – die elfjährige Anna-Lena ist eine von ihnen. Foto: Steurer

Snapchat ist bei Jugendlichen der Trend der Stunde.

Berlin. Ist es der Reiz des Vergänglichen? Mehr als 130 Millionen Menschen weltweit nutzen täglich Snapchat. Vor allem bei vielen Jugendlichen scheint die App, bei der die verschickten Fotos nach Sekunden wieder gelöscht werden, unverzichtbar. Laut einer Umfrage des Magazins „Bravo“ hat Snapchat bei jungen Nutzern inzwischen Facebook hinter sich gelassen.

So zählt die Anwendung für 35 Prozent der Befragten zwischen zehn und 19 Jahren zu den drei meistgenutzten Social Media Apps, Facebook kam auf 32 Prozent und landete damit auf Rang fünf. Zum Vergleich: Im Vorjahr lag Snapchat noch bei 17 und Face­book bei 40 Prozent. An der Spitze liegt aktuell WhatsApp (91 Prozent) vor YouTube (56) und Instagram (52 Prozent).

Sind es also Spontanität und Kurzlebigkeit, die Snapchat auszeichnen? Auf dieses Ergebnis kamen im Herbst 2015 US-Forscher der Universität Michigan. Demnach rufen die dortigen Interaktionen mehr positive Emotionen hervor, als bei anderen Social-Media-Apps. „Snapchat wird typischerweise für die spontane Kommunikation mit engen Freunden verwendet, auf eine neue und meist angenehmere Art“, erklärte der Hauptautor der Studie, Joseph Bayer. Nutzer müssten sich weniger Gedanken um ihre Selbstpräsen­tation machen, etwa ob sie auf einem Foto hässlich wirkten.

Während auf Facebook wichtige Momente wie die Geburt eines Babys geteilt würden, seien es bei Snapchat eher die kleinen Dinge, sagte Bayer. „Wir müssen nicht mehr die ‚echte Welt‘ erfassen und online wiedergeben“, erklärte Snapchat-Gründer Evan Spiegel 2014 auf einer Konferenz. „Wir leben und kommunizieren einfach zur selben Zeit.“

130 Millionen Nutzer

Der heute 25-Jährige rief Snapchat 2011 gemeinsam mit Robert Murphy in Los Angeles ins Leben. Laut dem Tech-Blog „recode“ gibt es inzwischen 130 Millionen Nutzer, 65 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in den USA verwenden die App. Die Besonderheit war von Beginn an die sekundenkurze „Lebenszeit“ der Fotos. Zwar kann der Empfänger theoretisch ein Screenshot machen, der Absender wird aber darüber informiert – und es ist eine Art ungeschriebenes Gesetz, das nicht zu tun.

Facebook erkannte früh das Potenzial: Bereits 2013 wollte Mark Zuckerberg Snapchat für drei Milliarden Dollar übernehmen, doch das Start-up lehnte ab. Derweil entwickelt sich der kleine Konkurrent immer mehr zum Angstgegner – besonders in dem für Zuckerberg so wichtigen Videobereich. Laut „Techinsider“ konsumieren Snapchat-User derzeit täglich zehn Milliarden Videos. Im enormen Facebook-Kosmos mit derzeit über 1,6 Milliarden Mitgliedern waren es im November 2015 gerade mal acht Milliarden. Auch Wirtschaft, Medien und Politik erkennen den Hype. Zalando und Starbucks, aber auch CNN oder der FC Bayern München sind auf Snapchat vertreten. Das Wahlkampfteam von Hillary Clinton punktete kürzlich mit einer Snapchat-Story über Donald Trump. Und erste Analyse-Tools wie Snaplytics helfen beim Optimieren von Marketing-Aktivitäten. Und wie geht es weiter mit Snapchat? Im September wird die App fünf Jahre alt, der Börsengang ist Evan Spiegel zufolge geplant. Längst gibt es zahlreiche weitere Features. In dem bei Prominenten beliebten Bereich Stories bleiben veröffentliche Inhalte 24 Stunden sichtbar. Nach einem Update im März können Nutzer nun auch miteinander telefonieren. Künftig werden sich vielleicht auch immer mehr Erwachsene, die sich derzeit noch mit Twitter oder Instagram vertraut machen, bei Snapchat tummeln. Ob der Hype dann noch da ist, wird sich zeigen. So prophezeite etwa ein jetziger junger Nutzer, Joshua Arntzen: „In den nächsten ein bis zwei Jahren wird es die nächste App geben und die Leute werden anfangen, umzusteigen.“ Wenn sich in fünf Jahren alle fragen würden, warum die Jugend weggehe, „dann sind die ganzen Omas und Opas auf Snapchat“.

Wir leben und kommunizieren einfach zur selben Zeit.

Evan Spiegel Snapchat-gründer