Rudolf Öller

Kommentar

Rudolf Öller

Redefreiheit

15.06.2019 • 13:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Konrad Lorenz (1903 – 1989) war ein österreichischer Arzt und Zoologe. 1973 erhielt er den Nobelpreis für seine Verdienste um die vergleichende Verhaltensforschung. In Wahrheit revolutionierte er – bis heute kaum beachtet – die Biologie, indem er das Verhalten von Tieren und Menschen mit der Evolutionsbiologie kompatibel machte. Mitte der Siebzigerjahre gab Lorenz zur Freude von uns Studenten eine hochinteressante zweiwöchige Blockvorlesung an der Universität Salzburg.

„Die Unterdrückung der Rede- und Meinungsfreiheit ist der Vorhof jeder Diktatur.“

Rund um diese Vorlesung rumorte es an einigen Instituten. Unter den Psychologen war mehrmals zu hören, man dürfe diesen (wörtlich) „Verhaltensverbrecher“ nicht sprechen lassen. Es blieb zum Glück beim Jammern und Drohen. Die Vorlesung wurde nicht gestört. Heute ist alles anders. Heute wird an Universitäten, in Stiftungen und Medien diffamiert und verboten auf Teufel komm raus.

Trendwende

Begonnen hat der Terror gegen die Meinungsfreiheit in Kalifornien. Ausgerechnet an der Universität Berkeley, wo in den Sechzigerjahren von Studenten Redefreiheit und freie politische Aktivitäten verlangt worden waren, und das durch die Bewegung „Free speech movement“ schließlich auch erreicht wurde, kam es zu einer zerstörerischen Trendwende. „Demonstranten“ randalierten mit Baseballschlägern und demolierten Teile des Universitätscampus, als Milo Yiannopoulos, Ann Coulter, Ben Shapiro und andere in Berkeley sprechen wollten. Es handelt sich um konservative bis rechtspopulistische Journalisten und Kommentatoren. Die Drohungen gegen die Genannten waren so rücksichtslos, dass die Veranstaltungen abgesagt wurden.

Der deutsch-israelische Schriftsteller Chaim Noll wurde von der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung zu einer Lesung nach Leipzig eingeladen und nach Druck von außen sogleich wieder ausgeladen. In einer Erklärung der Stiftung hieß es, Noll urteile pauschal und ideologisch, er verachte die deutsche Politik und veröffentliche entsprechende Texte bevorzugt auf der Internetseite „Achse des Guten“ (achgut.com), einem Forum, das man zumindest rechtspopulistisch nennen kann.

Rufmord

Studenten stellten die Frankfurter Professorin Susanne Schröter, Direktorin des Forschungszentrums Globaler Islam, an den Pranger, nachdem diese eine Podiumsdebatte angekündigt hatte. „Das islamische Kopftuch – Symbol der Würde oder der Unterdrückung?“, lautete die Frage. Es folgte von Seiten politisch radikaler Studenten eine Serie von Rufmorden an Frau Schröter.

Die Unterdrückung der Rede- und Meinungsfreiheit ist der Vorhof jeder Diktatur. Studenten, denen die Redefreiheit etwas bedeutet, schweigen. Sie könnten ihre Ängstlichkeit eines Tages bereuen.

Mag. Dr. Rudolf Öller ist Biologe und Lehrbeauftragter des Roten Kreuzes.

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