Mythen und Fakten in der Gerichtsmedizin

Wissen / 20.10.2019 • 15:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Gerichtsmediziner Walter Rabl ging während seines Vortrags auch auf einen VN-Bericht ein.  LKA/NOVAK

Experte Walter Rabl (60) verblüfft mit Legenden und Tatsachen.

Schwarzach, Innsbruck Der Innsbrucker Gerichtsmediziner Walter Rabl ist nicht nur Präsident der österreichischen Gerichtsmediziner, sondern gilt auch weltweit als eine Koryphäe in seinem Fach. Sein Ruf drang bis nach Japan. Dort ersuchte ihn der Gerichtshof in Osaka um seinen fachmännischen Rat – um einen recht makaberen Rat.

In Japan wird die Todesstrafe vollzogen. Und zwar per Dekret ausnahmslos durch Erhängen. 190 Häftlinge befinden sich in Osaka im Todestrakt. Keiner von ihnen weiß, wann für ihn die letzte Stunde schlägt. Und die Vollzugsbehörden wissen nicht, woran der Delinquent am Galgen eigentlich wirklich stirbt. Und wie lange der Todeskampf dauert. All das wollte der Gerichtshof von Rabl wissen.

Mehrere Todesursachen möglich

Der österreichische Gerichtsmediziner konnte den Japanern allerdings nur die für sie wohl unbefriedigende Antwort geben, dass diese Art der Hinrichtung nicht der Menschenrechtskonvention entspricht.

„Denn dass Erhängen einen raschen Tod durch Genickbruch bedeutet, ist ein Mythos“, stellte Rabl klar, „Faktum ist vielmehr, dass dabei mehrere Todesursachen möglich sind. Unter anderem Kompression der Halsgefäße, Verschluss der Atemwege bis hin zur Dekapitation, also Enthauptung.“

Mythen und Fakten in der Gerichtsmedizin. Was sind allgemein vorherrschende Meinungen darüber, und wo täuschen sie? In ungewöhnlich vielen Fällen, überraschte Rabl in seinem Vortrag, den er auf Einladung der Vereinigung Kriminaldienst Österreich (VKÖ) unlängst vor großem Publikum in Mäder hielt.

Hexenverbrennungen

Zunächst ein kurzer Blick in die Vergangenheit. „Bedeuteten Hexenverbrennungen wirklich einen qualvollen Tod? Gott sei Dank kann ich sagen, dass dem grundsätzlich nicht so war. Denn die Opfer atmeten dabei giftige Rauchgase ein, die nach zwei bis drei Atemzügen ihre Bewusstlosigkeit herbeiführten“, so der Experte in „beruhigenden“ Worten.

Aber auch heutige Fakten zerstören viele im allgemeinen Bewusstsein herrschende Mythen. Heißt Ersticken wirklich ein grausames Sterben? Etwa unter Lawinen? Rabl verblüfft: „Die Aufnahme von Kohlendioxid führt zu einem Sauerstoffmangel im Gehirn. Und der hat grundsätzlich eine Euphorie, ein Glücksgefühl zur Folge.“

Thema Säugling auf dem Wickeltisch. Welche Mutter ist nicht von der panischen Vorstellung ergriffen, wenn das Baby plötzlich von ihm runterfällt? Wegen der schweren oder tödlichen Verletzungen, die ihm dabei drohen? „Faktum ist, dass ein Säugling bei einem Sturz von eineinhalb Metern Höhe keine groben Verletzungen erleidet. Und wenn es schreit, seien Sie froh“, sagt Rabl. Anderes Thema, anderer Mythos: „Nach dem Tod wachsen Haare und Fingernägel weiter, so heißt es immer wieder. Doch dem ist nicht so, auch wenn es zunächst tatsächlich so aussieht“, klärt der Gerichtsmediziner auf, und: „Der menschliche Körper verliert nach dem Eintritt des Todes Wasser. Das hat ein Schrumpfen der Haut zur Folge, etwa bei den Fingerkuppen. Die Haut zieht sich also zurück und lässt die Nägel länger erscheinen.“

Mythos Gestank

Sind Wasserleichen wirklich das Schlimmste, vor allem wegen ihres Gestanks? Selbst hier räumt Rabl mit einem Mythos auf. „Das ist eine Halbwahrheit, da Wasserleichen aus einer Umgebung mit niedriger Temperatur kommen. Im Übrigen ist es so: Verstorbene stinken nie so penetrant wie Lebende, das weiß ich aus Erfahrung.“

Thema Obduktion: Finden sich Gerichtsmediziner tatsächlich immer am Auffindungsort der Leiche ein? So wie es Filme und TV-Serien immer wieder vermitteln? Ein verzerrtes Bild, erklärt Rabl: „Ein weit verbreitetes Klischee ist noch immer, dass Gerichtsmediziner 30 Prozent ihrer Zeit am Tatort und 70 Prozent im Seziersaal verbringen. Tatsächlich sind wir nur zu 0,01 Prozent am Tatort und nur in fünf Prozent unserer Zeit am Obduktionstisch. Der Rest besteht aus Büroarbeit, Aktenwälzen, Gerichtstermine und Begutachtungen.“

„Verstorbene stinken nie so penetrant wie Lebende, das weiß ich aus Erfahrung.“