Rudolf Öller

Kommentar

Rudolf Öller

Sokals Parodie

Wissen / 09.04.2021 • 16:55 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Ein Aufsatz des französischen Philosophen Jean Baudrillard enthält folgenden Satz: „Die Matrix des Urbanen ist nicht mehr die der Realisierung einer Kraft, sondern die Realisierung einer Differenz der Zeichenoperation.“ Matrix, Kraft, Differenz, Zeichenoperation sind mathematische Begriffe, die hier als Philosophie verkauft werden. Der Leser versteht zwar nichts, ist aber grundlos beeindruckt.

Der US-Physiker Alan Sokal war von diesen sich wiederholenden Missbräuchen echter Wissenschaften in nichtssagenden Sätzen so genervt, dass er einen Jux-Artikel verfasste: „Die Grenze überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation“. Er schickte den Aufsatz an die renommierte amerikanische Zeitschrift „Social Text“, worauf Sokals Traktat im Sommer 1996, also vor 25 Jahren, veröffentlicht wurde. Es heißt zu Beginn: „Tiefe konzeptionelle Veränderungen innerhalb der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts haben die newtonsche Metaphysik untergraben. Dadurch wurde immer deutlicher, dass die physische Realität, nicht weniger als die gesellschaftliche, im Grunde ein soziales und sprachliches Konstrukt ist, dass wissenschaftliche Erkenntnis alles andere als objektiv ist, sondern die herrschenden Ideologien und Machtverhältnisse … widerspiegelt und verschlüsselt.“

Sokal hatte eine Partymeile in den Orchideenfächern, den Konstruktivismus, auf die Schaufel genommen. Die Sache war deshalb so bemerkenswert, weil „Social Text“ nicht irgendein Magazin ist, sondern eine anerkannte kulturwissenschaftliche Zeitschrift. Wer auch nur ein wenig Ahnung von Naturwissenschaften hat, musste bei Sokals Lektüre laut lachen. Trotzdem wurde Sokals Aufsatz unter Kulturwissenschaftlern ernsthaft diskutiert, und das weltweit bis hin zur „New York Times“. Als Sokal bekanntgab, dass er die Herausgeber mit einer Parodie hereingelegt hatte, konnte sich der Physiker der Genugtuung und Schadenfreude der Fachkollegen sicher sein, während viele Sozial- und Geisteswissenschaftler beleidigt reagierten.

Sokals Hauptforderung am Ende seines Aufsatzes ging in Richtung einer gesellschaftlichen Kontrolle der Naturwissenschaften. Dafür erhielt er den meisten Applaus. Wie diese „Kontrolle“ durch stalinistische Aufpasser aussehen kann, kennt man ja aus dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus, wo Politkommissare autoritär über die Einhaltung der reinen Lehre wachten.

In Wahrheit hat Sokal mit seiner Parodie vor 25 Jahren Schlamperei und Scheinwissen einiger Redakteure offengelegt, die einen absurden Artikel nur deshalb akzeptierten, weil er ihr schlichtes Weltbild bestätigte.

„Wer auch nur ein wenig Ahnung von Naturwissenschaften hat, musste bei Sokals Lektüre laut lachen.“

Rudolf Öller

rudolph.oeller@vol.at

Mag. Dr. Rudolf Öller ist

promovierter Naturwissenschaftler