„Hoffentlich sehen wir uns nie wieder!“

28.06.2019 • 14:17 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ein Blick hinter die Kulissen bei „carla Tex“ in Hohenems.

Feldkirch Wir haben uns mit der nachhaltigen Nutzung gespendeter Kleidung beschäftigt und den Betrieb „carla Tex“ in Hohenems besucht. Peter Waldmann, der Standortleiter des Kleidersortierwerks, stand uns Rede und Antwort. Er erzählte uns, dass das Projekt „carla Tex“ in den 90er-Jahren in die Wege geleitet wurde, um Arbeitsplätze für Menschen in Not zu schaffen und die Menge an Kleidung, die auf der Mülldeponie landet, zu reduzieren. In Spitzenzeiten werden bis zu 50 Tonnen Kleidung pro Woche in Hohenems sortiert. Dabei wird die beste Ware, oft auch neuwertige Markenkleidung, für den Verkauf in den Carla-Shops auf die Seite gelegt.Die Kleidungsstücke werden von insgesamt bis zu 50 MitarbeiterInnen sortiert. Es handelt sich oft um Menschen, die auf der Suche nach einem Arbeitsplatz sind. Sie werden von SozialarbeiterInnen unterstützt und entsprechend qualifiziert, um ihnen die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. „Es ist manchmal schon ein Problem, wenn diese Menschen, die oft schwere Schicksalsschläge erleben mussten, mit dem unglaublichen Überfluss unserer Gesellschaft konfrontiert sind. Wir bekommen zum Beispiel sehr viele Handtaschen. Die sind besonders in Osteuropa sehr gefragt. Was sagt man einem arbeitssuchenden Menschen, der zum Beispiel eine nagelneue Michael-Kors-Handtasche aussortieren muss, an der noch ein Preisschild über ein paar Hundert Euro hängt?“, so Peter Waldmann.

Bekleidung, aber auch Handtücher und Bettdecken, werden in viele Unterkategorien sortiert und in Länder verfrachtet, die diese gerne abnehmen. Dies sind zum Beispiel osteuropäische Länder, aber auch afrikanische. Natürlich gibt es auch Kleidungsstücke, die nicht mehr tragbar sind. Sie werden von verschiedenen Unternehmen abgeholt und zu Textilrohstoffen verarbeitet, ein Abnehmer ist beispielsweise die Autoindustrie. Sehr überrascht waren wir von der Tatsache, dass auch Geldscheine Kleinstanteile an Textilien enthalten, um die nötige Stabilität zu gewährleisten. „Kleidung ist heute schon lange kein kostbares Gut mehr“, meint Peter Waldmann, „diese unglaublich billigen Textildiskonter machen den Markt kaputt, es fehlt den Leuten oft an Wertschätzung. Kleidung hatte früher einen viel höheren Stellenwert. Auch das Material und die Verarbeitung lassen oft zu wünschen übrig. Solche Textilien, die dann oft im Container landen, kann man einfach nicht mehr verwenden.“

Die ArbeiterInnen bei „carla Tex“ haben es manchmal auch lustig, denn, wie man uns erzählte, seien einige Menschen bei ihrer Spende auch sehr „großzügig“. So landen des Öfteren auch Scherzartikel, wie Perücken oder Stiefel mit sehr hohen Absätzen, in den Spendencontainern. „Wir können ganze Faschingsgilden mit Material versorgen“, meint Peter Waldmann schmunzelnd. „Nicht alles ist für den Verkauf geeignet.“ Seine informative Führung durch „carla Tex“ endete mit einem herzlichen Händedruck und den gut gemeinten Worten: „Ich wünsche euch später allen einen guten und sicheren Arbeitsplatz. Hoffentlich sehen wir uns nie wieder!“ Von Patricia  Chis und Nicole Weghofer

„Diese unglaublich billigen Textildiskonter machen den Markt kaputt.“