Mehr Zeit für die Patienten

Gesund / 12.12.2014 • 09:34 Uhr
Das Interesse an den Neuerungen in der medizinischen Versorgung war groß, die Diskussion sehr rege. Fotos: VN/Hartinger
Das Interesse an den Neuerungen in der medizinischen Versorgung war groß, die Diskussion sehr rege. Fotos: VN/Hartinger

Das wünschen sich die niedergelassenen Ärzte unter anderem von der Gesundheitsrefom.

Wolfurt. (VN-mm, pes) Für den Fall eines akuten Herzinfarkts brauchen alle Vorarlberger eine 24-Stunden-Versorgung, war man sich am Mittwochabend im Wolfurter Cubus einig. „Aber brauchen Sie die auch für einen Schnupfen?“, fragte der Bregenzer Allgemeinmediziner Dr. Thomas Jungblut in die Runde. Jungblut wies mit seiner Frage auf ein Problem der niedergelassenen Ärzte hin: Viele Patienten gehen nicht zum Praktiker, sondern fahren an diesem vorbei direkt ins Krankenhaus „und richten damit erheblichen Schaden an“. Wer mit Kleinigkeiten ins Spital gehe, schade sich und den Patienten, die auf das Krankenhaus angewiesen sind.

Problematische Situation

Doch dieses Patientenverhalten ist auch Symptom für die problematische Situation der Allgemeinärzte insgesamt, deren Stellenwert in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren gesunken ist. Vor allem die jungen Leute haben keinen Hausarzt mehr. Jungblut illustrierte jedoch anhand mehrerer Beispiele, dass eben genau der Hausarzt erster Ansprechpartner des Patienten sein und er seinerseits mit Fachärzten, Spitälern und anderen Gesundheitsdienstleistern vernetzt sein muss, wie auch die Gesundheitsreform vorsieht. Das dürfe aber nicht nur für neue Ärzte gelten, wie in dem Papier festgeschrieben, sondern auch für die bereits Praktizierenden, merkte Jungblut an. Denn: „Vernetzung findet im Kopf statt.“

Regionale Gegebenheiten

Dabei muss allerdings auch auf die regionalen Begebenheiten Rücksicht genommen werden, wie Dr. Timo Fischer vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger erklärte. Ein Ärztehaus sei geeignet für Wien oder Bregenz, nicht aber für den Bregenzerwald. Von der Schwierigkeit, Arztstellen auf dem Land zu besetzen, erzählte die Mellauer Bürgermeisterin Elisabeth Wicke. Viele Kandidaten könnten oder wollten die verlangten Öffnungszeiten nicht alleine stemmen, eine Stelle unter mehreren Ärzten zu teilen, bedeute bürokratische Hürden.

Um den Beruf des Allgemeinmediziners wieder attraktiver zu machen, müsse deren Ausbildung verbessert werden, ergänzte Dr. Harald Schlocker aus Bludenz und Vertreter der Ärztekammer. „Allgemeinmedizin ist das einzige Fach, für das es keine spezifische Ausbildung gibt“, kritisierte er. Neben der schlechten Bezahlung vergraule auch der hohe bürokratische Aufwand viele angehende Mediziner, sagte Jungblut. Dieses System erschwere dem Kassenarzt eine wichtige Aufgabe, nämlich jene, dem Patienten Zeit zu schenken. 

Dr. Timo Fischer, Wien Wir haben eine sehr spitallastige Versorgung. Der Patient braucht längere Öffnungszeiten im niedergelassenen Bereich, für die Ärzte müssen wir attraktive Arbeitsplätze schaffen.
Dr. Timo Fischer,
Wien
Wir haben eine sehr spitallastige Versorgung. Der Patient braucht längere Öffnungszeiten im niedergelassenen Bereich, für die Ärzte müssen wir attraktive Arbeitsplätze schaffen.
Dr. Harald Schlocker, Bludenz Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, aber wie lange noch? Die Attraktivität des Berufs des Allgemeinmediziners ist geschwunden, und das ist von der Politik hausgemacht.
Dr. Harald Schlocker,
Bludenz
Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, aber wie lange noch? Die Attraktivität des Berufs des Allgemeinmediziners ist geschwunden, und das ist von der Politik hausgemacht.
Mag. pharm. Jürgen Rehak, Höchst Die Kassen ändern jeden Monat die Vorgaben, welche Medikamente zu verschreiben sind. Das verunsichert die Patienten, die sich an kein Medikament gewöhnen können.
Mag. pharm. Jürgen Rehak, Höchst
Die Kassen ändern jeden Monat die Vorgaben, welche Medikamente zu verschreiben sind. Das verunsichert die Patienten, die sich an kein Medikament gewöhnen können.
DGKS Lydia Hagspiel, Bregenz Beim Case-Management der Hauskrankenpflege haben wir eine gute Zusammenarbeit mit den Ärzten. Aber wir müssen auch über das jeweilige Hilfsangebot vor Ort Bescheid wissen.
DGKS Lydia Hagspiel,
Bregenz
Beim Case-Management der Hauskrankenpflege haben wir eine gute Zusammenarbeit mit den Ärzten. Aber wir müssen auch über das jeweilige Hilfsangebot vor Ort Bescheid wissen.
Dr. Peter Gerardi, Bregenz Für mich als Patient ist wichtig, dass der Arzt für mich genügend Zeit hat. Ich sehe auch keinen Nachteil darin, wenn sich zwei oder drei Ärzte eine Stelle in einem Ärztehaus teilen.
Dr. Peter Gerardi,
Bregenz
Für mich als Patient ist wichtig, dass der Arzt für mich genügend Zeit hat. Ich sehe auch keinen Nachteil darin, wenn sich zwei oder drei Ärzte eine Stelle in einem Ärztehaus teilen.

Diskussions-Splitter

Die Allgemeinmedizin ist die Königsdisziplin. Sie fasst alle Behandlungsgebiete zusammen und sieht den ganzen Menschen.
Dr. Thomas Jungblut

Die Patienten müssen bei der Umsetzung der Gesundheitsreform für den niedergelassenen Bereich mitmachen. Wenn sie weiterhin unkritisch ins Spital rennen, nützt alles nichts.

Dr. Thomas Jungblut

Eines muss in dieser ganzen Diskussion auch gesagt werden: Es fehlt in der Bevölkerung vielfach an Gesundheitswissen. Auch da müssen wir ansetzen. In den Kindergärten und Schulen passiert viel, im Jugendalter verlieren wir jedoch viele junge Menschen.
Mag. pharm. Jürgen Rehak 

Eine Umfrage des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger hat ergeben, dass sich über 50 Prozent der Patienten eine Zuwendungsmedizin und längere Öffnungszeiten wünschen.

Dr. Harald Schlocker

Laut PHC gilt eine Entfernung von 15 Autominuten zum Arzt als wohnortnah. Das ist gerade einmal die Fahrt von Mellau nach Egg.

Elisabeth Wicke,

Bürgermeisterin von Mellau

Früher hatten wir zehn Bewerber für eine Kassenarztstelle, heute ist es bestenfalls einer.

Dr. Harald Schlocker

Die Landesregierung und die Krankenhausbetriebsgesellschaft sind heute nicht hier. Sie haben beide aus demselben Grund abgesagt: Die rechtlichen Rahmenbedingungen seien noch nicht ausgearbeitet.

Dr. Thomas Jungblut

Junge Ärzte wollen im Team arbeiten und wünschen sich eine gute Work-Life-Balance. Deshalb leben viele lieber in der Stadt.

Dr. Timo Fischer

In Bregenz-Weidach wohnen 3500 Menschen, aber wir haben keinen Arzt und keine Apotheke. Deswegen wollen wir ein Gesundheitshaus.

Dr. Peter Gerardi

Vorarlberg verfügt über fünf voll ausgebaute Krankenhäuser auf zirka 50 Kilometern. So etwas gibt es in keinem europäischen Land.

Ein Mini Med-Besucher

Im Arztzentrum wird ein unbekannter Arzt vor einem unbekannten Patienten sitzen. Die Arzt-Patienten-Beziehung kann so nicht funktionieren.

Dr. Harald Schlocker