„Bin abstinent, aber nicht glücklich“

Gesund / 04.11.2016 • 09:06 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Lorenz Gallmetzer schildert, wie er in die Abhängigkeit geriet und wie er sie bekämpft. Foto: angerer
Lorenz Gallmetzer schildert, wie er in die Abhängigkeit geriet und wie er sie bekämpft. Foto: angerer

Wie schwierig der Weg aus der Sucht ist, hat Lorenz Gallmetzer selbst erfahren. 

Heidi Rinke-Jarosch

SCHWarzach. Mehr als drei Jahrzehnte war der ehemalige ORF-Starjournalist Lorenz Gallmetzer alkoholabhängig. Nach mehreren Selbstentzügen entschloss er sich, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. In der Entzugsklinik begann er das Buch „Süchtig“ zu schreiben, in dem er neben den Geschichten von Mitpatienten auch seine eigene erzählt.

Alkohol ist eine von der Gesellschaft akzeptierte legale Droge, die auch noch gefördert wird. Hatte das Einfluss auf Ihre Abhängigkeit?

gallmetzer: Tatsächlich wird in unserer Gesellschaft Alkohol als Genussmittel gepriesen, und er ist allgegenwärtig: Das hat sicher dazu geführt, dass ich ohne Bedenken regelmäßig und viel getrunken habe. Alkohol ist aber nicht nur die Volksdroge Nummer 1, sondern auch die Kulturdroge Nr. 1. Er ist religiös und spirituell in der DNA unserer Kultur gespeichert. Beispiele: Bei der heiligen Messe wird noch immer „Wein in Blut verwandelt“. Und im goldenen Pokal muss echter Wein sein. Dann gibt es fast keinen Fernsehfilm, in dem man sich nicht zuprostet. Solche Verhaltensmuster saugt man auf.

Welcher Typ von Alkoholabhängigen waren Sie und wie haben Sie getrunken?

gallmetzer: Ich war ein Spiegeltrinker. Diese sind tagsüber leicht alkoholisiert und können funktionieren. Deshalb werden Spiegeltrinker in der Gesellschaft nicht als Problem gesehen. Meine Hauptdroge war der Wein. Ich habe zwei bis drei Bouteillen pro Tag konsumiert. Das sind mehr als zwei Liter am Tag.

Wahrt man als Spiegeltrinker die Selbstachtung, weil man einem den gleichmäßigen, aber niedrigen Alkoholpegel nicht anmerkt?

gallmetzer: Selbstachtung? Ich weiß nicht. Wenn man, wie ich, sein eigenes Trinkverhalten bewusst anschaut, dann ist das mit der Selbstachtung nicht so einfach. Nach außen gilt man als normal. Gesellschaftlich wird es ja akzeptiert, wenn jemand „eingespritzt“ ist, so lange er funktioniert. Erlaubt es der gesellschaftliche Rahmen, sich zu berauschen, wird auch das akzeptiert. Der Standartsatz lautet: Er hatte halt ein Glas zu viel.

Wann wurde Ihnen bewusst, abhängig zu sein?

gallmetzer: Das ist ein Prozess, der in Paris begonnen und sich über mehrere Jahre hingezogen hatte. Ich lebte dauernd mit dem Gefühl, ohne Wein nicht funktionieren zu können. Nahm ich vormittags keinen Aperitif zu mir, war ich genervt, unkonzentriert, leicht irritierbar. So trank ich zwischen zehn und elf Uhr die ersten Gläser Wein, um ins Lot zu kommen. Dann ging es mir gut. Als ich bemerkte, dass ich Wein trinken musste, wusste ich, dass ich abhängig war.

Zum Alkoholproblem kam die Krebsdiagnose dazu. Wie gingen Sie damit um?

gallmetzer: Das war, nachdem ich – längst wieder in Wien – unabhängig vom Trinken auch noch Probleme mit meinen ORF-Vorgesetzten bekommen hatte und aus Protest die Club2-Leitung zurücklegte. Zu dieser Zeit ließ ich mich medizinisch durchchecken. Der Arzt teilte mir die Diagnose Darmkrebs mit. Ich lehnte eine onkologische Behandlung ab, stattdessen wollte ich, wenn es so weit gewesen wäre, nach Zürich fahren. Ich bin Mitglied vom Verein Dignitas. So fragte ich den Arzt, wie viel Zeit ich noch habe. Er antwortete, ich soll eine Therapie machen. Gelinge sie nicht, könne ich noch immer nach Zürich fahren. Angehörige und Freunde schafften es schließlich, mich zur Therapie zu überreden. Das war schlimm. Nach Monaten Bestrahlung und Chemo erlitt ich einen totalen Kontrollverlust. Unter meinem Motto, lieber mit Vollgas gegen die Wand als mit 70 ins Altenheim, trank ich einen Alkohol-Medikamenten-Cocktail. Es folgten ein Zusammenbruch, ein Aufenthalt in der Psychiatrie, dann in einer Burnout-Klinik. Das war 2010. Damals habe ich zum ersten Mal selbst aufgehört zu trinken. Meine Abstinenz hielt ich mit Yoga und Tai-Chi durch. Körperlich ging es mir gut. Aber meine Schwermut, meinen Trübsinn konnte ich nicht in den Griff bekommen. Glücklich war ich nicht. Das bin ich auch heute nicht.

Wie viele Selbstentzüge haben Sie hinter sich?

gallmetzer: In den vergangenen 15 Jahren etwa war ich zwei- bis dreimal pro Jahr zum Selbstentzug in Wellness-Hotels oder in einem von Zisterzienserschwestern geführten Kurhotel. Dort gab es eine Kneipp- und Fastenkur, die mir sehr geholfen hat. Nach 14 Tagen fühlte ich mich wie neugeboren. Ich meinte, ich könnte daraufhin wieder sündigen und begann wieder zu trinken. Dabei hatte ich die Illusion, kontrolliert trinken zu können. Doch mit der Zeit fiel ich wieder ins alte Muster zurück.

Wann entschieden Sie sich, professionelle Hilfe in einer Entzugsklinik in Anspruch zu nehmen?

gallmetzer: Zu Dr. Michael Musalek ins Anton-Proksch-Institut in Kalksburg ging ich, nachdem in den Medien bekannt wurde, dass es zwei neue Medikamente zur Drosselung der Alkoholsucht gibt. Ich fragte Dr. Musalek, ob ich die Alkoholabhängigkeit mit diesen Medikamenten, kombiniert mit seiner Methode – der „Orpheus-Therapie“ – in den Griff bekommen würde. Doch er sagte, die Medikamente könnten bei Problemtrinkern verhindern, in die Alkoholerkrankung abzurutschen, aber sie helfen nicht, wenn jemand bereits alkoholkrank sei. Also ließ ich mich in die Klinik einweisen. Ab 7. Oktober 2015 war ich dort zwei Monate in Behandlung.

Dort entstand die Idee Ihres Buches „Süchtig“.

gallmetzer: In der Klinik lernte ich verschiedene Mitpatienten kennen. Man verbringt viel Zeit miteinander, führt viele Gespräche. Ich war so beeindruckt von den menschlichen Schicksalen, dass ich mir sagte, das muss man den Leuten draußen erzählen. Ich bat Mitpatienten, sich mir gegenüber zu öffnen. Aus Gründen der Fairness und Glaubwürdigkeit öffnete ich mich auch ihnen gegenüber und erzählte meine eigene Geschichte. So entstand das Buch.

Zur Person

Lorenz Gallmetzer

Geboren: 1952 in Südtirol

Wohnort: Wien

Laufbahn: Studium Romanistik, Geschichte, Literatur. ORF-Korrespondent in Washington und Paris, Reporter fürs ORF-Weltjournal, Sendungschef des Club2, freier Buchautor

Lorenz Gallmetzer: „Süchtig“, von Alkohol bis Glücksspiel, Abhängige erzählen, Verlag Kremayr & Scheriau