Hans Concin

Kommentar

Hans Concin

Soziale Determinanten der Gesundheit

Gesund / 27.09.2019 • 10:18 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Präzisionsmedizin ist heute das Schlagwort: Nutzung einer Fülle großartiger diagnostischer Möglichkeiten bis hin zu genetischen Untersuchungen und konsekutiv differenzierte zielgerichtete Therapie. Diese erfreuliche Entwicklung birgt aber auch die Gefahr, dass wichtige soziale Komponenten der Gesundheit weniger beachtet werden. An der positiven Spitze dieser sozialen Determinanten stehen hohe Bildung und Einkommen, am gesundheitlich risikoreichen Ende stehen Armut und Existenzängste. Eine entsprechende Stratifizierung wird grundsätzlich von jedem Arzt bei jedem Patienten durchgeführt. Auch von den Spitälern wird besonders bei der Entlassung von Patienten immer mehr darauf geachtet, dass durch entsprechende Unterstützungen die Zahl der kurzfristigen Wiederaufnahmen klein gehalten werden kann.

Scham und Zeitmangel

Viele Ärzte berichten jedoch, dass Zeitmangel oft der Erhebung der sozialen Rahmenbedingungen im Weg steht. Sie klagen über geringe eigene Möglichkeiten zu helfen und haben die Befürchtung, dass Patienten soziale Fragen ungern beantworten. Der Allgemeinmediziner tut sich hier üblicherweise leichter, weil er häufig das familiäre und berufliche Umfeld kennt, während Fachärzten oft wichtige Zugänge fehlen.

Es gibt in Vorarlberg unzählige große und kleine Aktivitäten und Angebote im Sozialbereich und in den unterschiedlichsten Therapiefeldern, die in der „kleinen“ Arztpraxis nicht abgedeckt werden können. Über Jahrzehnte wurden private und institutionelle Hilfsangebote von der Politik tatkräftig unterstützt und stehen im nationalen und internationalen Vergleich vorbildhaft da. Fast für jedes physische und psychosoziale Problem gibt es eine Anlaufstelle – das Problem: Nicht alle Ärzte und schon gar nicht alle Betroffenen kennen das gesamte wohnortnahe Angebot. Ich kann hier nicht alle Möglichkeiten, von der Physiotherapie bis zur Schuldenberatung, von der Caritas bis zu schwanger.li, vom Netzwerk Familie bis zu Tischlein deck dich, usw. aufzählen. Alle diese Initiativen und Angebote sind wichtige Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und stehen aus der Public-Health-Sicht gleichberechtigt neben der klassischen Medizin.

Kommunikation

Die Personen, die Unterstützung am nötigsten haben, wissen oft am wenigsten über Hilfsangebote Bescheid. Wenn alle zusammenhelfen, sensibel und kommunikativ sind, von der Kindergärtnerin bis zur Pflegehelferin, von der Hebamme bis zum Arbeitsmediziner, kann bei fast allen das sozial determinierte Gesundheitsrisiko reduziert werden. Studien bestätigen zudem, dass ein positiver Zusammenhang zwischen höheren Sozialausgaben und verbesserter Gesundheit besteht.

Die beste Gesundheitsinvestition ist Bildung. Die Bildungsexperten wissen am besten, was für die Schulen gut ist. Ich stelle mir mit Schaudern vor, würde die Politik in der Medizin so viel mitentscheiden wie in den Schulen.

Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen höheren Sozialausgaben und besserer Gesundheit.

Hans Concin

hans.concin@vn.at

Prim. a. D. Dr. Hans Concin, Vizepräsident aks Verein