Der dritte Pädagoge

Immo / 16.02.2017 • 10:24 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Der dritte Pädagoge

Seit Jahren schon hat Skandinavien in der Schulentwicklung die Nase vorn. Eines der Grundprinzipien des Schulalltags ist die Aufenthaltsqualität in Lern- wie Erholungsräumen. Klingt logisch, ist es auch. Neben Lehrer(inne)n und Mitschüler(inne)n gilt der Raum dort als dritter Lehrer, wie es der italienische Pädagoge Loris Malaguzzi in den 1970er-Jahren formulierte. Neue Bildungsbauten in Vorarlberg stehen diesem Anspruch in nichts nach. Autorin: Verena Konrad | Fotos: Darko Todorovic

äume prägen uns. Über das Wohlbefinden in Räumen kann Aufmerksamkeit und Kommunikation gefördert werden. Licht und Luft spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Organisation von Raum, um nur einige Faktoren zu nennen. Räume nützen zu können, setzt Selbstbestimmung voraus und ein Gefühl für Nähe und Distanz. Und obwohl so umfassend und wichtig für das Verständnis von Gesellschaft hat sich der Architekturkritiker Walter Zschokke vor beinahe 20 Jahren gegen Architektur als Schulfach ausgesprochen: „Die direkte räumliche Erfahrung ist unverzichtbar, darum ist das Bemühen Architektur als theoretisches Unterrichtsfach einzuführen, zwar verdienstvoll, aber es trifft nicht den Kern des Problems. Nicht Architektur als Unterrichtsstoff in die Schule zu bringen kann daher das Ziel heißen; vielmehr ist der Unterricht in gebauter Architektur abzuhalten. Jeder Kindergarten, jede Volksschule, jede Hauptschule, jedes Gymnasium, die Berufs- und Fachhochschulen eingeschlossen, sowie alle Hochschul- und Universitätsgebäude sind nach bestem Wissen und Gewissen unserer Zeit mit architektonischem Anspruch zu errichten und, wenn es ansteht, feinfühlig zu erweitern oder zu erneuern. Diese Verantwortung kann keiner Gemeinde, nicht den Ländern und auch nicht dem Bund abgenommen werden.“ Ein Blick auf die Entwicklung der Bauprogramme für den Bildungsbereich in Vorarlberg lässt hoffen. Eine Vielzahl an Kindergärten und Schulen wurde in den letzten Jahrzehnten saniert, erweitert, auf neuesten Stand gebracht, neu errichtet. Im Idealfall sind diese Einrichtungen gebaute Pädagogik, eine Unterstützung für den
Lernalltag; Räume, die Zusammenarbeit fördern, Konzentration ermöglichen, mit offenen und geschlossenen Zonen, die das Ausleben individueller Zugänge zum Lernen ermöglichen.

Gesetzlich vorgegebene Regeln für den Bau von Bildungseinrichtungen wie Kindergärten und Schulen werden aktuell wieder flexibler und neue Unterrichtsformen finden architektonisch Unterstützung. Aktuell wird vor allem gern auf sogenannte „Cluster-
lösungen“ zurückgegriffen. Hier lösen sich Klassenzimmer und Erschließungs-
gänge auf und bilden offene Grundrisse. So können verschiedene Lehr- und Lernformen nebeneinander und gleichzeitig Platz finden. Individuelle Förderung wird so räumlich vereinfacht. Cluster haben meist eine Mitte, um die herum organisiert wird.

Bei Neubauten wesentlich einfacher zu realisieren, hat sich die Volksschule in Röthis trotz schwieriger und gleichzeitig privilegierter Ausgangslage das ambitionierte Ziel gesetzt, aus dem Bestand neue Lernlandschaften zu entwickeln. Privilegiert ist die Schule ob ihrer Lage, aber auch ob der ästhetischen Qualität ihres aus dem Jahr 1908 stammenden und denkmalgeschützten Gebäudes, das in den 1960er-Jahren erweitert wurde. Mit einer neuerlichen kleinen Erweiterung und umfassenden Sanierung wurde die Schule in Zusammenarbeit mit architektur.terminal hackl und klammer nun abermals neuen Bedingungen des Lernens und Lehrens angepasst. Die drei Bauabschnitte sollten jeweils erkennbar bleiben. Um das Gebäude als Ganzes zu harmonisieren, wurde eine einheitliche Fassaden- und Farbgestaltung gewählt. Ein großzügiger Schulhof führt zum Gebäude, das zur Rückseite von Einfamilienhäusern umgeben ist, nach vorne mächtig auf einem kleinen Hügel thront. Von dort aus korrespondiert es mit der Pfarrkirche, den umliegenden Wohnbauten, dem Kindergarten in unmittelbarer Nachbarschaft – ebenso gestaltet von
architektur.terminal – und der Landschaft. Insgesamt erstreckt sich der Schulbau auf zwei Gebäude mit je drei Geschoßen.

Die Erschließung dieser Ebenen, die Verbindung der bestehenden Räume und die Ermöglichung neuer Lernformen in den Bestandsgebäuden war die Hauptaufgabe der Architekten, die hierfür – gemessen an Volumen und Aufwand – ein knappes Budget zur Verfügung hatten. So wurde auch radikal alles belassen, was funktional erhaltenswürdig war. Der alte Bauteil beherbergt heute vier Klassen mit jeweils angrenzenden Gruppenräumen. Diese Besonderheit macht das Lernen im Plenum wie auch in kleinen Gruppen möglich. Weiters stehen die großzügigen Gangzonen zur Verfügung. Gerahmte Glastüren ermöglichen Sichtkontakt und für die Kinder ein freies Zirkulieren in den Lernlandschaften. Im alten Zubau wurde der zentrale Erschließungsteil mit einer Aula-Funktion ausgestattet. Eine kleine Bühne und eine weitläufige Treppenanlage bestimmen den Raum. Im Obergeschoß sind ein Klassenraum und Räume für Textiles Werken und weitere Fächer untergebracht. Im Erdgeschoß hat eine Küche mit Essbereich für die Mittagsbetreuung Platz gefunden. Ihr angegliedert ist ein Ruheraum als kleine Rückzugsoase. Für das Lehrpersonal stehen drei Räume zur Verfügung, die Austausch, Vorbereitung, Besprechungen, Sitzungen und das Erledigen von Verwaltungsaufgaben ermöglichen. Für die Gemeinde Röthis ist das
Projekt ein wichtiger Beitrag, um Angebote für junge Familien zu setzen. Aber auch Vereine finden hier – vor allem im sanierten Turnsaal – Aufnahme. Die Gemeinde verzeichnete in der Vergangenheit einen leichten Rückgang an Einwohner(inne)n.
Dieser Trend scheint sich nun umzukehren und diese Schule ist gewiss ein Moment in der Dorfstruktur, der einem das Bleiben oder Zuziehen erleichtern kann.

Die atmosphärische Wirkung des Raumes auf Kinder wie Lehrer(innen) ist für den Lernerfolg enorm wichtig.

Keine Schulküche, aber ein Raum zum Kochen, gemeinsam Essen, eine feine Atmosphäre für die Mittagspause.

Keine Schulküche, aber ein Raum zum Kochen, gemeinsam Essen, eine feine Atmosphäre für die Mittagspause.

Schule ist auch Raum für Lehrer(innen). Gute räumliche Arbeitsbedingungen fördern die Unterrichtsqualität.

Schule ist auch Raum für Lehrer(innen). Gute räumliche Arbeitsbedingungen fördern die Unterrichtsqualität.

Schuldirektorin Brigitte Ströhle und Bürgermeister Roman Kopf führen durch die Räume der Volksschule.

Schuldirektorin Brigitte Ströhle und Bürgermeister Roman Kopf führen durch die Räume der Volksschule.

Im Rahmen der Revitalisierung wurden zwei Baukörper und Zubauten durch einheitliche Farbgebung harmonisiert.

Im Rahmen der Revitalisierung wurden zwei Baukörper und Zubauten durch einheitliche Farbgebung harmonisiert.

Ruhezone und Rückzugsraum für Kinder, die zu Mittag bleiben. Hier kann gedöst, gelesen, ein wenig taggeträumt werden.

Ruhezone und Rückzugsraum für Kinder, die zu Mittag bleiben. Hier kann gedöst, gelesen, ein wenig
taggeträumt werden.

Licht und viel Platz und flexible Möblierung ermöglichen unterschiedliche Lern-szenarien, ganz nach Bedarf.

Licht und viel Platz und flexible Möblierung ermöglichen unterschiedliche Lern-
szenarien, ganz nach Bedarf.

Bibliothek mit Aufenthaltsqualität. Der offene Raum macht Bücher dauerhaft zugänglich und verbindet die Bauteile miteinander.

Bibliothek mit Aufenthaltsqualität. Der offene Raum macht Bücher dauerhaft zugänglich und verbindet die Bauteile miteinander.

Der dritte Pädagoge
Der dritte Pädagoge
Ergänzte Substanz Dem Schulgebäude aus dem Jahr 1908 wurde ein Erweiterungsbau hinzugefügt.

Ergänzte Substanz Dem Schulgebäude aus dem Jahr 1908 wurde ein Erweiterungsbau hinzugefügt.

Viel Platz zum Spielen Ein großzügiger Vorplatz wird seitlich durch einen kleinen Holzstauraum mit Sitz-gelegenheit gerahmt.

Viel Platz zum Spielen Ein großzügiger Vorplatz wird seitlich durch einen kleinen Holzstauraum mit Sitz-
gelegenheit gerahmt.

Korridore sind passé, gearbeitet, gespielt und gelacht darf überall werden.

Korridore sind passé,
gearbeitet, gespielt und
gelacht darf überall werden.

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