Zum Solitär gewordene Firmenphilosophie

Immo / 14.06.2017 • 14:38 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Zum Solitär gewordene Firmenphilosophie

Architektur.terminal hat für das Götzner Familienunternehmen Wilhelm+Mayer eine neue Firmenzentrale entworfen. Was möglich war, wurde selbst gemacht, selbst die Betonfertigteile für die Fassade. Autor: Edith Schlocker | Fotos: Petra Rainer

eit der Gründung der Firma Wilhelm+Mayer vor 80 Jahren ist das Bauunternehmen, das inzwischen viel mehr als „nur“ ein solches ist, dem ursprünglichen Standort treu geblieben. Als kontinuierlich wachsendes Familienunternehmen war der angestammte Standort allerdings längst zu klein. Vieles musste ausgelagert werden, was die Eigentümer schon seit Längerem mit einem Neubau liebäugeln ließ. Ein idealer Bauplatz ganz in der Nähe wurde gefunden, das darauf stehende alte Haus abgerissen und drei Architekten zu einem kleinen Wettbewerb eingeladen, den das Röthiser Büro architektur.terminal gewonnen hat.

Mit einem Projekt, das durch seine zentrale Lage Präsenz im Ort zeigt, was gut für die Firma ist. „Wir haben genau das bekommen, was wir wollten“, sagt Geschäftsführer Johannes Wilhelm. Indem hier nun an einem prominenten Ort unter einem Dach die rund 50 Mitarbeiter der Firmenzentrale arbeiten können, in einem Bau, der letztlich das repräsentiere, „was wir selbst herstellen bzw. verkaufen“, sagt Wilhelm. Was möglich war, wurde selbst gemacht, selbst die Betonfertigteile der markanten Fassade.

Im Prinzip ist die neue Firmenzentrale von Wilhelm+Mayer ein in Skelettbauweise errichteter traditioneller Massivbau. Die weiß verputzten Ziegelmauern sind so dick, dass auf eine zusätzliche Dämmung verzichtet werden konnte, was raumklimatisch von großem Vorteil ist. Die Struktur des von Martin Hackl, Mitinhaber von architektur.terminal, entwickelten Hauses ist letztlich absolut pragmatisch. Der auf einer Tiefgarage mit 25 Autoabstellplätzen und diversen Nebenräumen stehende Bau mit dem Grundriss eines leicht verschobenen Trapezes wird in allen vier Geschoßen mittig durch breite Gänge erschlossen. Links und rechts bzw. an der Stirnseite befinden sich größere und kleinere Büros, deren Wände – außer dem des Chefs – zu den Gängen hin gläsern sind, während die raumhohen Türen aus massiver Eiche getischlert wurden. Ist doch Transparenz Teil der Firmenphilosophie genauso wie weite mentale Horizonte, was sich nicht zuletzt in den literarischen Texten niederschlägt, mit denen die gläsernen Wände in hellen und dunklen Lettern beschrieben sind. Die klugen Zitate, die u. a. von Aristoteles, Goethe, Hesse oder Frankl stammen und alle auf irgendeine Weise mit dem Bauen oder Wohnen zu tun haben, taugen so ganz nebenbei auch fabelhaft als effektiver Einlaufschutz.

In den mit Akustikdecken ausgestatteten Büros liegen dunkelgraue Teppichböden, die runden Lichtquellen sind in drei unterschiedlichen Größen in die Decken eingelassen. Die breiten mittleren Zonen sind in den drei Obergeschoßen viel mehr als reine Gänge. Hier stehen in markante schwarze Möbel eingehauste Inseln, die nicht nur zum Kopieren gut sind, sondern zu wichtigen Orten der Kommunikation werden. Aus Sichtbeton gebaut sind die zwei Kerne für das ganz in Orange – der Firmenfarbe von Wilhelm+Mayer – gehaltene Treppenhaus samt Lift und die WCs mit ihren ebenfalls organgen Böden.

Durch die Setzung des Hauses ist straßenseitig ein kleiner, fast urban anmutender öffentlicher Platz entstanden, auf dem eine Sitzbank steht. Der Sockel der Firmenzentrale Wilhelm+Mayer ist rund einen Meter zurückversetzt und zu einem großen Teil gläsern. Nach der zentralen Eingangstüre findet sich auf der rechten Seite der mit einem langen hölzernen Möbel markierte Empfang, links eine kleine Lounge. Und dem entgegengesetzten Ende ist dem Haus eine große, teilweise überdachte Terrasse vorgelagert, angelegt als geschützter Ort für die Mitarbeiter, um sich auszutauschen oder einfach nur abzuhängen.

Schlichte Funktionalität suggerieren die durchgehenden Fensterbänder, die drei Seiten der Firmenzentrale strukturieren, während ihr „Gesicht“ so komplett anders daherkommt, um dadurch unternehmerisches Selbstbewusstsein zu demonstrieren. Diese straßenseitige Fassade besteht aus zwei Schichten, wobei die innere komplett verglast ist, der eine großzügig dimensionierte Gitterstruktur vorgesetzt ist, die raffiniert unregelmäßig ist. Eine Geste, die diesen gebauten Solitär – noch – zur Ausnahme im lokalen Kontext macht.

Unsere neue Firmenzentrale repräsentiert alles das, was wir selbst herstellen und verkaufen.

Die literarischen Zitate, mit denen die Glaswände der Büros beschrieben sind, haben alle mehr oder weniger direkt mit dem Bauen oder Wohnen zu tun. Sie sind aber nicht nur zur geistigen Erbauung der Mitarbeiter gut, sondern taugen auch als effektiver Einlaufschutz.

Die literarischen Zitate, mit denen die Glaswände der Büros beschrieben sind, haben alle mehr oder weniger direkt mit dem Bauen oder Wohnen zu tun. Sie sind aber nicht nur zur geistigen Erbauung der Mitarbeiter gut, sondern taugen auch als effektiver Einlaufschutz.

Orange sind auch die Böden der WCs, die Wände sind hier dagegen weiß genauso wie die Keramik.

Orange sind auch die
Böden der WCs, die Wände sind hier dagegen weiß
genauso wie die Keramik.

Transparenz wird bei Wilhelm+Mayer ganz groß-geschrieben. Was sich auch in der räumlichen Struktur der neuen Firmenzentrale niederschlägt, indem die Wände der Büros teilweise aus Glas sind.

Transparenz wird bei Wilhelm+Mayer ganz groß-
geschrieben. Was sich auch in der räumlichen Struktur der neuen Firmenzentrale niederschlägt, indem die Wände der Büros teilweise aus Glas sind.

Der Empfangsbereich wird durch ein markantes hölzernes Möbel markiert. Lichtspender im ganzen Haus sind mit LEDs bestückte runde Leuchtkörper, die in drei verschiedenen Größen in die Decken eingelassen sind.

Der Empfangsbereich wird durch ein markantes hölzernes Möbel markiert. Lichtspender im ganzen Haus sind mit LEDs bestückte runde Leuchtkörper, die in drei verschiedenen Größen in die Decken eingelassen sind.

Erschlossen wird das Haus mittig durch breite Gänge, die durch multifunktionale Einbauten auch zu Begegnungsorten werden.

Erschlossen wird das Haus mittig durch breite Gänge, die durch multifunktionale Einbauten auch zu Begegnungsorten werden.

In allen Büros liegen graue Teppichböden. Die Türen sind raumhoch und aus massiver Eiche. Die Möblierung ist schnörkellos funktionell.

In allen Büros liegen graue Teppichböden.
Die Türen sind raumhoch und aus massiver Eiche.
Die Möblierung ist schnörkellos funktionell.

In einem kräftigen Orange – der Firmenfarbe von Wilhelm+Mayer – sind die Wände des Stiegenhauses gestrichen. Die Stiege selbst ist aus Betonfertigteilen gebaut, ihre Geländer sind aus schwarzem Metall.

In einem kräftigen Orange
– der Firmenfarbe von Wilhelm+Mayer – sind die Wände des Stiegenhauses gestrichen. Die Stiege selbst ist aus Betonfertigteilen gebaut, ihre Geländer sind aus schwarzem Metall.

Das „Gesicht“ der neuen Firmenzentrale von Wilhelm+Mayer in Götzis ist Ausdruck von unternehmerischem Selbstbewusstsein. Die Fassade besteht aus zwei Schichten: einer raumhoch verglasten und einer raffiniert versetzten Gitterstruktur.

Das „Gesicht“ der neuen Firmenzentrale von Wilhelm+Mayer in Götzis ist Ausdruck von unternehmerischem Selbstbewusstsein. Die Fassade besteht aus zwei Schichten: einer raumhoch verglasten und einer raffiniert versetzten Gitterstruktur.

Die drei weiß verputzten Nebenfassaden sind schlicht strukturiert durch durchgehende Fensterbänder mit außen angebrachten Jalousien als Sonnenschutz.

Die drei weiß verputzten Nebenfassaden sind schlicht strukturiert durch durchgehende Fensterbänder mit außen angebrachten Jalousien als Sonnenschutz.

Rückseitig ist dem Haus mit seinem leicht verzogenen trapezförmigen Grundriss eine teilweise überdachte Terrasse vorgebaut. Gedacht als Ort der Kommunikation und Entspannung für die rund 50 Mitarbeiter der Firmen-zentrale inklusive ihres Chefs Johannes Wilhelm (links), hier im Gespräch mit Architekt Martin Hackl.

Rückseitig ist dem Haus mit seinem leicht verzogenen trapezförmigen Grundriss eine teilweise überdachte Terrasse vorgebaut. Gedacht als Ort der Kommunikation
und Entspannung für die rund 50 Mitarbeiter der Firmen-
zentrale inklusive ihres Chefs Johannes Wilhelm (links),
hier im Gespräch mit Architekt Martin Hackl.