Die Kunst des Wohlklangs

Immo / 23.01.2020 • 15:50 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Musik und Architektur sind in vielen Aspekten verwandt.
Ein neuer Klangraum ist auch das Haus der Musik in Innsbruck selbst –
als kulturelles Zentrum in einem städtischen Gefüge erzeugt es
einen neuen Sound, weit hörbar in der Stadt.

Es waren die Pythagoreer, die sich erstmals den musikalischen Harmonien widmeten. Mithilfe eines Monochords, eines musikinstrumentenähnlichen Werkzeugs, entdeckten sie, dass diese Harmonien einfachen Zahlenverhältnissen entsprachen. Mit diesen Verhältnissen arbeitet auch die Geometrie und damit auch die Architektur. Proportionen sind Verhältnisse. Für die Baukunst ist Proportion das Verhältnis der Längen-, Breiten- und Höhenmaße eines Bauwerks, einer Fassade oder eines Bauteils. Die Geschichte der Architektur zeugt von einer Virtuosität im Umgang mit Proportionen und dem Spiel mit Intervallen. Jede Zeit hat ihr eigenes Gefühl für Harmonie und Disharmonie. Und jede Zeit kennt ihr eigenes Spiel mit Konsonanz und Dissonanz, mit Intervallen und Akkorden – nicht nur in der Musik.

Der Sound einer Stadt ist ein Mehrklang. Eine Fülle von Information, eine Klaviatur auf der viele spielen. Eine neue Quelle für diesen Mehrklang ist das Haus der Musik in Innsbruck, geplant von Erich Strolz in Zusammenarbeit mit dem Vorarlberger Architekturbüro Dietrich Untertrifaller. Das Gebäude steht dort, wo vormals die nach dem Krieg wieder aufgebauten Stadtsäle, Bauten aus den 1950er Jahren, das Stadtbild prägten. Es ist neuer Nachbar der alten Universität und Jesuitenkirche, der Hofburg und grenzt unmittelbar an das Landestheater und den dahinter liegenden Hofgarten an. Gegenüber liegt das Volkskunstmuseum. Franziskanerplatz und goldenes Dachl sind nicht weit.

Der multifunktionale Hybrid muss vielen Ansprüchen genügen. Er ist Konzerthaus, Theater, Veranstaltungsort und Ort zahlreicher Organisationen, die sich der Musik als Bildungsaufgabe und Kulturgut widmen. Hier finden auf sechs Ebenen und mehr als 13.000 Quadratmetern mehrere Kulturinstitutionen zusammen: die Kammerspiele mit Bühne und einem Zuschauerraum für 220 Personen, zwei Konzertsäle mit 510 und 100 Plätzen, das Symphonieorchester, das Landeskonservatorium, das Institut für Musikwissenschaft der Universität Innsbruck und das Mozarteum und drei Musikvereine sind Teil des Ganzen. Auch die Fest-
wochen der Alten Musik haben hier ihre Homebase. Es gibt eine Bibliothek, gemeinsame Räume für Proben, Veranstaltungen, aber auch Organisation, Räume für Musikveranstalter und Gastronomie. Für diesen komplexen Mix musste ein gutes Raumprogramm gefunden werden, das sowohl Ausbildung wie auch Spielbetrieb und öffentlicher Nutzung Rechnung trägt.

Aus einem zweistufigen EU-weiten Wettbewerb ging das Projekt von Erich Strolz im Herbst 2014 als Sieger hervor. Die prominent besetzte Jury wählte es wegen seiner selbstverständlichen, kompakten Lösung für die hohen Anforderungen. Die gemeinsam mit dem Partner Dietrich | Untertrifaller
Architekten in Arbeitsgemeinschaft entwickelte, mehrschichtige Fassade aus Keramikelementen unterstützt das Grundkonzept, das darin besteht, jeweils eigenständige Elemente für den Spielbetrieb und für Forschung, Lehre und Verwaltung zu gestalten.

So steht das Haus der Musik nun selbstbewusst an dieser markanten Stelle in der Stadt und spricht eine Einladung aus. Ein transparentes Erdgeschoß lässt Blicke von außen nach innen und umgekehrt zu und damit auch den Blick auf das historische Umfeld, zu dem auch drei als Naturdenkmäler geschützte Bäume und der Leopold-Brunnen zählen. Ein lichtes, dreistöckiges Foyer führt über eine Panoramatreppe zu den Konzertsälen. Die gestaltgebende dunkle Außenhaut mit ihren vertikalen Keramikplatten zieht sich bis in dieses Foyer. Innen und Außen korrespondieren. Auch in den Sälen – durch raumhohe Fenster, klug gewählte Sichtachsen. Um die innere Organisation funktional und übersichtlich zu halten, wurden die Stockwerke um einen als Stahlbetonkörper sichtbaren Erschließungskern angeordnet und über ein Atrium natürlich belichtet. Verwaltungs- und Unterrichtsräume sind hell und freundlich und die Räume für den Musikgenuss in hochwertiger und warmer Atmosphäre gehalten. Oberstes Planungsziel waren eine hochwertige Raumakustik und spürbare Aufenthaltsqualität für alle Nutzungen.

„Wir haben uns für eine hochwertige, zeitgenössische Fassade entschieden, die sich hinter den Bäumen zurücknimmt und die die Farben und Lichtstimmungen der Umgebung reflektiert.“

Kulturquartier. Jahrzehntelang glich das Bild an diesem Ort einem Provisorium. Nun steht hier ein selbstbewusster Bau. Das Haus der Musik vernetzt Akteure und Akteurinnen und Einrichtungen und gibt einem kulturellen Anliegen eine starke Stimme.

Kulturquartier. Jahrzehntelang glich das Bild an diesem Ort einem Provisorium. Nun steht hier ein selbstbewusster Bau. Das Haus der Musik vernetzt Akteure und Akteurinnen und Einrichtungen und gibt einem
kulturellen Anliegen eine starke Stimme.

Eingepasst ins städtische Gefüge. Viele Wege, Straßen und Plätze führen zum Gebäude, das sich seinerseits einfügt in eine gewachsene Struktur.

Eingepasst ins städtische Gefüge. Viele Wege, Straßen und Plätze führen zum Gebäude, das sich seinerseits einfügt in eine gewachsene Struktur.

In direkter Nachbarschaft zum Landestheater entstand an dieser Stelle ein neues kulturelles Zentrum der Stadt in zeitgenössischer Gestalt.

In direkter Nachbarschaft zum Landestheater entstand an dieser Stelle ein neues kulturelles Zentrum
der Stadt in zeitgenössischer Gestalt.

Hör- und sichtbar, elegant und Ausdruck souveräner Zeitgenossenschaft. Das Haus der Musik fügt sich auf Augenhöhe in die Nachbarschaft bedeutender Gebäude und Stadtgeschichten ein.

Hör- und sichtbar, elegant und Ausdruck souveräner Zeitgenossenschaft. Das Haus der Musik fügt sich auf Augenhöhe in die Nachbarschaft bedeutender Gebäude und Stadtgeschichten ein.

Ein dreigeschoßiges Foyer führt über eine Panoramatreppe ins Gebäude. Außen und Innen korrespondieren. Die Fassade setzt sich in Elementen im Inneren fort.

Ein dreigeschoßiges Foyer führt über eine Panoramatreppe ins Gebäude. Außen und Innen korrespondieren. Die Fassade setzt sich in Elementen im Inneren fort.

Die vertikal strukturierten Keramik-elemente besitzen eine speziell für dieses Projekt entwickelte dunkle Glasur, die sowohl im Kunst- wie im Sonnenlicht in verschieden Nuancen schimmert.

Die vertikal strukturierten Keramik-
elemente besitzen eine speziell für dieses Projekt entwickelte dunkle Glasur, die sowohl im Kunst- wie im Sonnenlicht in verschieden Nuancen schimmert.

Die Kunst der Fuge. Spiel mit Licht und Schatten, geometrischen Formen, Wiederholungen, Zitaten – komponiert zu einem räumlichen Mehrklang.

Die Kunst der Fuge. Spiel mit
Licht und Schatten, geometrischen Formen, Wiederholungen, Zitaten – komponiert zu einem räumlichen Mehrklang.

Probe in einem der Konzertsäle. Akustisch und atmosphärisch hochwertig Räume für Musiker(innen) und Hörer(innen).

Probe in einem der Konzertsäle. Akustisch und atmosphärisch hochwertig Räume für Musiker(innen) und Hörer(innen).