Es gab Opfer, es gab Täter
Vor gut drei Jahrzehnten machten sich Historiker in Vorarlberg auf, um die jüngere Zeitgeschichte, sprich: die Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und vor allem die Zeit des Nationalsozialismus, aufzuarbeiten. Es war nicht so leicht, wie man das heute meinen könnte, denn die Widerstände waren groß.
Zu nahe seien noch die tragischen Ereignisse, wurde vorgebracht, zu viele der Betroffenen seien noch am Leben, man könne noch kein objektives Urteil abgeben – solche und ähnliche Einwände gab es viele. Man könnte es auch anders sagen: Eine Aufarbeitung vor allem der nationalsozialistischen Zeit war unerwünscht. Vom offiziellen Vorarlberg ebenso wie von vielen Männern des öffentlichen Lebens (oft mit einschlägiger Vergangenheit). Das konnte allerdings nicht verhindern, dass mit Beginn der Achtzigerjahre ständig neue Publikationen dazu erschienen.
Allerdings waren es einzelne Themen, die behandelt wurden; was bis heute fehlte, war eine umfassende Darstellung des Themas. Nun liegt sie vor: „Nationalsozialismus in Vorarlberg – Opfer. Täter. Gegner“ des Bregenzer Historikers Meinrad Pichler, erschienen im Innsbrucker Studienverlag.
Pichler ist kein Unbekannter, kaum einer hat so viele Publikationen zum Thema vorzuweisen. Nun legt er die Gesamtschau der Zeit, irgendwie auch die Zusammenfassung seiner mehr als dreißigjährigen Arbeit als Forscher, vor. Meinrad Pichler ist ein Glücksfall für die Geschichtsschreibung dieses Landes, denn er versteht es wie kaum ein anderer, Geschichte verknüpft auch mit Geschichten zu erzählen. So wechseln auch im neuen Buch historische Fakten und Erklärungen immer wieder mit Biografien von Männern und Frauen, die anschaulich machen, was in nationalsozialistischer Zeit auch in Vorarlberg üblich war. Denn bei uns liefen die Uhren nicht anders als in anderen Teilen Deutschlands und Österreichs.
Es gab in Vorarlberg Täter, brutale Täter, Verbrecher, die mit politischem Hintergrund agierten, aber es gab ebenso Opfer, Menschen des Widerstands, die dafür oft mit dem Leben bezahlen mussten. Es ist ein unglaubliches Buch, das Meinrad Pichler vorlegt, es ist die konzentrierte, gut lesbare Darstellung von den schlimmsten zehn Jahren Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Eine Pflichtlektüre für alle, die etwas wissen wollen, für die Schulen sowieso!
walter.fink@vn.vol.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.
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