Zuerst werden Bücher verbrannt
Heinrich Heine hatte gemeint: „Da, wo man Bücher verbrennt, da verbrennen am Ende auch die Menschen.“ Am 10. Mai 1933 waren es die Nationalsozialisten, die in Berlin und weiteren 21 deutschen Universitätsstädten Bücher verbrannten. Sie nannten es eine „Aktion wider den undeutschen Geist“, in der Bücher der „verfemten Autoren“ den Flammen übergeben wurden. Das war zwei Monate nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ – so schnell zeigte die Partei ihr wahres Gesicht. Zu jedem Buch schrieen Studenten einen üblen Spruch und übergaben die Namen dem Feuer, Namen wie Heinrich und Thomas Mann, Erich Kästner, Sigmund Freud, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholksy, Heinrich Heine, Frank Wedekind, Carl Zuckmayer und viele andere. Es war der Beginn der geistigen Verarmung Deutschlands, der Beginn der Ausrottung der jüdischen Kultur, der Anfang vom Ende einer ehemaligen Kulturnation.
Jetzt sind wir wieder soweit. Der IS-Terror in Nordafrika zeigt im Umgang mit Menschen und Büchern gleiche Auswirkungen wie das damalige Terrorregime in Deutschland. In der nordirakischen Stadt Mossul soll die Dschihadistengruppe Islamischer Staat Tausende Bücher aus Museen, Bibliotheken und Universitäten verbrannt haben. Das jedenfalls meldet die Kulturorganisation UNESCO. Sollte das bestätigt werden, so sei das „eine weitere Etappe in der kulturellen Säuberung der Region unter Kontrolle bewaffneter Extremistengruppen im Irak“. Ähnliches ist vor einiger Zeit in Timbuktu geschehen, wo Dschihadisten alte Manuskripte der Wüstenstadt zerstört hatten.
Natürlich, die Situation im nationalsozialistischen Deutschland und im heutigen Nordafrika ist völlig verschieden. Das Gedankengut, das hinter Bücherverbrennungen steckt, ist aber gleich geblieben. Man glaubt, mit der Verbrennung auch den geistigen Inhalt auszulöschen, man will die bisherigen geistigen Errungenschaften vernichten, man möchte selbstständiges Denken unmöglich machen. Die Verbrenner meinen, damit könnten sie das geistige Leben zurückschrauben auf jene Zeit, in der das geschriebene und gelesene Wort noch nicht solche Macht hatte. Auch die Brutalität, mit der diese Menschen mit anderen Mitmenschen umgehen, wie sie ihre Gegner öffentlich köpfen oder verbrennen, zeigt, dass sie auf der geistigen Höhe des Mittelalters stehen. Das macht sie wahrscheinlich noch gefährlicher.
Man will die bisherigen geistigen Errungenschaften vernichten, man möchte selbständiges Denken unmöglich machen.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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