Am See und auch am Meer
Gerne würde ich heute auf zwei Bücher aufmerksam machen. Eines, das ziemlich neu erschienen ist, ein anderes, das bereits seit Jahren am Markt ist, mit dem ich aber erst vor Kurzem von einer guten, büchermäßig wohlinformierten Freundin beschenkt wurde. Beide spielen in der Zeit des Nationalsozialismus, bei beiden werden die Schicksale durch die geistige Enge der Zeit und durch die immer gefährlicher werdende Kriegsbedrohung oder auch schon den Krieg bestimmt. „Ostende – 1936, Sommer der Freundschaft“ von Volker Weidermann spielt an der Nordsee und ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen, „Jugend am Ufer“ von Otto Frei erzählt vom Bodensee und wurde vom Libelle-Verlag aufgelegt.
Die Bücher haben nichts miteinander zu tun, ich habe sie nur hintereinander gelesen und dabei wieder einmal erkannt, in welch glücklicher Zeit – in der Friedenszeit nach dem Weltkrieg – ich noch immer lebe. In „Ostende“ war das anders, da trafen sich 1936 deutsche Geistesgrößen im belgischen Badeort und versuchten, dem Land, in dem Bücher – und nicht nur Bücher – verbrannt wurden, zu entkommen. Vier Personen erlebten hier einen letzten, wunderbaren und dennoch so tragischen Sommer:
Der große, reiche, erfolgreiche Stefan Zweig mit seiner Geliebte Lotte, und Joseph Roth, der „arme, heilige Trinker“, der in der Schriftstellerin Irmgard Keun eine letzte große Liebe fand. Eine tiefe Freundschaft zwischen Zweig und Roth half über die Zeit, die für alle nichts übrig ließ. Für alle vier war der Nationalsozialismus die letzte, bittere Tragik ihres Lebens. Nur der Sommer in Ostende, der war noch einmal groß.
Otto Frei, ein Schweizer Schriftsteller aus Steckborn am Untersee, ist weitgehend unbekannt geblieben, obwohl er in Friedrich Dürrenmatt einen gewichtigen literarischen Fürsprecher hatte. Nun bin ich – endlich! – auf seinen schmalen Band „Jugend am Ufer“ gestoßen, in dem er in Episoden seine Kindheit beschreibt, die durch den nahen großen Krieg an der anderen Seite des Ufers bedroht scheint. Es ist eine zarte, einfühlsame Sprache, in der Frei uns in seine frühen Gedanken und Ängste mitnimmt. Bei Beschreibung einer Jugend, die zeigt, dass es auch für die Menschen, die in Freiheit und ohne Krieg in der Schweiz gelebt haben, nicht einfach war. Zumindest wenn sie die Zeit so gesehen und gefühlt haben wie Otto Frei.
Zwei wunderbare Bücher!
Ich habe wieder einmal erkannt, in welch glücklicher Zeit – in der Friedenszeit nach dem Weltkrieg – ich noch immer lebe.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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