Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Vom Leben am richtigen Ort

Kultur / 24.06.2016 • 20:37 Uhr

In den letzten zwei Monaten waren meine zeitlichen Möglichkeiten begrenzt. Verpflichtende Termine nahmen mir fast den ganzen Vormittag – und danach kam ich nicht mehr in meine gewohnten Abläufe. All diese Termine waren zwar sehr wichtig, trotz solcher Einsicht hinderten sie meine Planungen. Nun bin ich wieder in zeitlicher Freiheit. Und ich versuche das auszukosten. So plante ich einen der ersten Sommertage, ließ Büro Büro sein und wollte nur Dinge tun, die mich erfreuen.

 

Mit dem Schiff fuhr ich zwei Stationen über den Bodensee nach Wasserburg. Die kleine Halbinsel mit der Kirche zum See ist der Geburtsort des Dichters Martin Walser, wo er in der Bahnhofswirtschaft aufgewachsen ist.

Am Friedhof von Wasserburg findet man gleich links neben dem Eingang auch das Grab von Horst Wolfram Geißler, der den vielleicht berühmtesten, sicher liebenswürdigsten BodenseeRoman, „Der liebe Augustin“, geschrieben hat, der sich in Millionenauflage verkauft hat. Zu Fuß dann weiter nach Nonnenhorn, jenem kleinen Ort, den man seit einiger Zeit wieder zu den Weingemeinden zählen muss. Überall entlang des Weges sieht man die jungen Triebe, die für das Ende des Sommers volle Trauben ahnen lassen. Vorbei an der ältesten, größten Kelter des Bodenseeraumes, die mitten im Ort steht, ist man sich sicher, dass hier der Wein Thema ist. So auch in Kressbronn, wo die Reben durch Obstplantagen mit Äpfeln und Kirschen ergänzt werden. Und überall entlang des Weges, der leider nicht am See entlang führt (in Deutschland ist das meiste Ufer in privater Hand), ein Blumenmeer. Alle paar Meter riecht man an Rosensträuchern und anderen Blüten, Blumen stehen in den Gärten und am Weg. Rainer Maria Rilkes Bodensee-Gedicht fällt mir ein: „Die Dörfer sind wie ein Garten …“

 

Zurück mit dem Schiff nach Bregenz, von hier eine Fahrt quer durchs Land, über den Schwarzen See, entlang den schönen Sonnendörfern des Walgaus nach Thüringerberg, hinunter in die Villa Falkenhorst, wo im wunderbaren Park und im Haus eine Ausstellung des Ladiner Bildhauers Lois Anvidalfarei eröffnet wurde. Eine großartige Ausstellung mit Skulpturen, die „erschreckend wirken, anstoßen, aber nie anstößig sind“ (Leonhard Paulmichl im Katalog).Es war ein stimmiger Abschluss eines vollen Tages. Und wieder einmal war ich mir sicher, am für mich richtigen Ort zu leben.

Überall entlang des Weges sieht man die jungen Triebe, die für das Ende des Sommers volle Trauben ahnen lassen.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.