Politik opfert Archäologie
Mitte des 18. Jahrhunderts war es der deutsche Wissenschaftler Johann Joachim Winckelmann, der als Aufseher der antiken Stätten von Rom, als Begründer der modernen Archäologie und Kunstgeschichte, eine bis dahin ungekannte Euphorie an der Antike auslöste. In Rom beeinflusste Winckelmann Angelika Kauffmann (das beste Porträt von Winckelmann stammt von Angelika und hängt heute im Kunsthaus Zürich) und die Malerei ihrer Zeit, ohne ihn wären die Dramen antiken Inhalts von Goethe und Schiller, wären Schillers Balladen, wäre überhaupt die ganze Aufmerksamkeit, die die Antike plötzlich erhielt, nicht denkbar.
Trotzdem sollte es noch fast ein Jahrhundert dauern, bis die großen Ausgrabungen in Griechenland und der Türkei in Angriff genommen wurden. Um 1870 war Heinrich Schliemann mit der Grabung in Troja erfolgreich, einige Jahre später mit der Freilegung der Burg von Agamemnon in Mykene, zu ähnlicher Zeit schlossen die deutschen Archäologen Ernst Curtius und Wilhelm Dörpfeld die Grabungen in Olympia ab, und etwas später fand der Engländer Arthur Evans auf Kreta im Palast von Knossos die schönsten Beispiele für die frühe minoische Kunst.
Einige Jahre zuvor, 1893, begannen unter Otto Benndorf die Grabungen des Österreichischen Archäologischen Instituts in Ephesos, einer der bedeutendsten griechischen Städte der Antike, die heute in der Westtürkei liegt. In Ephesos stand als bekanntestes Gebäude auch eines der sieben Weltwunder der Antike, der Tempel der Artemis. Ephesos hatte auch Bedeutung in römischer Zeit, zudem bildete sich hier eine der wichtigsten frühchristlichen Siedlungen, in der sich auch Paulus lange aufhielt. Ephesos ist also eine der wichtigen archäologischen Grabungen, bei der sich die österreichische Schule seit mehr als hundert Jahren verdient gemacht hat. Unterbrechungen gab es nur während der beiden Weltkriege.
Doch nun, in der vergangenen Woche, begann ein neuerlicher, unerwarteter Abbruch der wissenschaftlichen Arbeit: Die Wissenschaftler wurden wegen der politischen Missstimmungen zwischen Österreich und der Türkei vom türkischen Außenministerium aufgefordert, ihre Arbeiten zu beenden. Damit wird eine höchst erfolgreiche wissenschaftliche Zusammenarbeit zerstört. Vor allem: Man würde gerne wissen, was Archäologie mit Politik zu tun hat. Aber auf solche Fragen bekommt man in der Politik der heutigen Türkei, in der nicht nur die Wissenschaft unter die Räder kommt, wohl kaum eine Antwort.
Durch die Missstimmungen wird eine höchst erfolgreiche wissenschaftliche Zusammenarbeit zerstört.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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