Michelangelos Sixtina in Wien
Wenn einer nach Rom fährt, noch nie in der Ewigen Stadt war, dann hat er – zumindest als kunstinteressierter Mensch – in jedem Fall auch ein Ziel: den Petersdom, die Vatikanischen Museen mit ihrer Vielzahl an großartigen Objekten und als Abschluss der Museen die Sixtinische Kapelle, eines der Meisterwerke Michelangelos. Allerdings muss man für dieses Vergnügen auch leidensfähig sein, denn ohne langes Anstehen kommt man nicht mehr in die Museen des Vatikans, und wenn man dann die vielen Säle mit den vielen künstlerischen Höhepunkten hinter sich hat, wenn man also zum Ende kommt, dann erst kommt man in die Sixtina. Und die ist meistens so rammelvoll, dass man nur noch über die vielen Köpfe nach oben schauen kann, um überhaupt etwas zu sehen – wenn man nicht schon so geschafft ist, dass man auch dazu kaum mehr in der Lage ist. Jetzt kann man sich Michelangelo einfacher und auch ganz nah ansehen: In der Wiener Votivkirche gibt es eine Fotoausstellung, in der die einzelnen Gemälde der Sixtina (noch bis 4. Dezember) zu sehen sind.
Vier Jahre arbeitete Michelangelo im Auftrag Papst Julius II., bis er an Allerheiligen 1512 die Sixtinische Kapelle vollendete – mit Ausnahme allerdings der Westwand hinter dem Altar. Hier entstand zwanzig Jahre später – von 1534 bis 1541 unter Papst Pius III., als Michelangelo also schon fast 60 Jahre geworden war – das größte Bildnis der Sixtina, das Jüngste Gericht. Wer einmal das heute fast nicht mehr vorstellbare Glück hat, die Sixtinische Kapelle, in
der sich die Kardinäle zur Wahl eines neuen Papstes zum Konklave versammeln, mit nur wenigen Besuchern zu sehen, der erschauert beim Betreten vor solch bildnerischer Kraft.
Solche Gefühle stellen sich bei den Fotografien des Wiener Fotografen Erich Lessing nicht ein, obwohl alle Bilder der Sixtina in Originalgröße von ganz nahe betrachtet werden können. Lessing durfte seine Aufnahmen Anfang der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts anlässlich der Renovierung der Bilder Michelangelos machen. Die Nähe der einzelnen Bilder ist einerseits faszinierend, andererseits aber geht das räumliche Erlebnis verloren. Man hat die Sixtina in der Votivkirche gesehen – aber man sollte doch auch noch nach Rom fahren, um die Malerei Michelangelos auch zu spüren. Und teurer als der Eintritt in Wien ist auch jener in die Vatikanischen Museen kaum.
Die Nähe der einzelnen Bilder ist einerseits faszinierend, andererseits aber geht das räumliche Erlebnis verloren.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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