Oft Verdrängtes zurückgeholt

Kultur / 28.04.2017 • 20:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Aschera-Figur  bzw. Göttin aus der Zeit um 750 v.Chr.
Aschera-Figur  bzw. Göttin aus der Zeit um 750 v.Chr.

Eine Schau zeigt, dass Gott die Menschen nach seinem Abbild als Mann und Frau schuf.

Christa Dietrich

Hohenems. Ein schwebender alter Herr mit weißem Bart haucht dem am Boden kauernden Jüngling per Fingerberührung Leben ein: Dieses Bild von Michelangelo im Zentrum der Sixtinischen Kapelle in Rom hat sich zwar eingeprägt, falsch ist es dennoch. Wenn Gott die Menschen, laut Genesis, nach seinem Abbild als Mann und Frau geschaffen hat, dann darf dieser Gott nicht nur männlich verstanden werden. Dieser umfangreichen Thematik nähert sich das Jüdische Museum in Hohenems nun in einer von Felicitas Heimann-Jelinek und Michaela Feurstein-Prasser kuratierten Ausstellung, die nicht nur herausfordernde Fragen mit viel Theorie sorgsam unterfüttert, sondern durch die Kooperation mit dem Jüdischen Museum in Frankfurt und dem Museum of the Bible in Washington auch die Präsenz einzigartiger Arbeiten in Hohenems ermöglicht.

Weiter Zeitrahmen

Im Grunde genommen geht es um das Thema Verdrängung. So wie die weibliche Seite Gottes in den abrahamitischen Religionen, also im Judentum, Christentum und im Islam verdrängt wurde, rückten auch weitere Aspekte oder überhaupt das „Andere“ in den Hintergrund und ließen Feindbildkonstruktionen zu. Es ist keine feministische Perspektive, die die beiden Wissenschaftlerinnen einnehmen. Es ist aber jedenfalls eine Schau, die sinnliches Erleben zulässt, mit einigen Werken aus der zeitgenössischen bildenden Kunst den Kontext erweitert und mit Objekten, die einen sehr weiten Zeitrahmen umfassen, allein beim Abschreiten des Ausstellungskerns im Keller des Museums ein Erfassen des Themas ermöglicht.

Schreiberinnen

Da wären etwa Aschera-Figuren aus der Eisenzeit, die von der Verehrung von Himmelsgöttinnen zeugen, gegen die etwa der Prophet Jeremias wetterte. Ein besonders interessantes und damit auch zentrales Exponat stellt eine „Vierge Ouvrant“ aus dem 15. Jahrhundert dar. Ist die Figur, bestehend aus Olivenholz, geschlossen, sieht man eine Madonna mit dem Kind. Öffnet man sie, so zeigt sie sich mit dem bärtigen Gott Vater, der Taube und dem gekreuzigten Jesus als die Schöpferin von männlichen Gottheiten. Derartige Madonnenfiguren sind sehr selten, laut Heimann-Jelinek sind nur noch dreizehn Exemplare bekannt. Die römisch-katholische Kirche hatte diese Art von Darstellungen auf dem Konzil von Trient verboten. Das Augenmerk richtet sich auch auf einen Kodex aus dem 14. Jahrhundert, der aus den Sammlungen der Universität Amsterdam kommt. Es ist eines der ganz wenigen Beispiele eines mittelalterlichen hebräischen Manuskripts, das von einer Frau kopiert wurde. Laut Forschungen hatte sie etwa ein Jahr gebraucht, um die 300 Seiten zu schreiben. Auch eine Esther-Rolle aus dem 16. Jahrhundert hatte eine Frau beschrieben. 

Die Beschäftigung mit Gott als Geliebtem oder Geliebter durch Beispiele aus Judentum und Islam ist anhand mehrerer Objekte für die Besucher ebenso möglich wie die Auseinandersetzung mit der Dämonisierung des Weiblichen. Mystik und Kabbala werden berührt. Dass Beispiele aus der christlichen Ikonographie, etwa die stillende Madonna, auf die Darstellung antiker Göttinnen wie Isis mit dem Horusknaben zurückgehen, ist bekannt und auch hier bestens verfolgbar wie ein Thema, das in die Gegenwart überleitet: Das Amt der Rabbinerin zu bekleiden, war auch im 20. Jahrhundert von vielen Widerständen begleitet.

In die Ausstellung ins Jüdische Museum wird mit einer Schrift­arbeit der österreichischen Künstlerin Ursula Beiler gelockt.
In die Ausstellung ins Jüdische Museum wird mit einer Schrift­arbeit der österreichischen Künstlerin Ursula Beiler gelockt.
Madonnenfiguren wie diese aus dem 15. Jahrhundert, die die Trinität einbeziehen, sind höchst selten, denn sie wurden verboten. FotoS: VN/Steurer
Madonnenfiguren wie diese aus dem 15. Jahrhundert, die die Trinität einbeziehen, sind höchst selten, denn sie wurden verboten. FotoS: VN/Steurer

Die Ausstellung im Jüdischen Museum Hohenems wird am 30. April, 11 Uhr, eröffnet und ist bis 8. Oktober zu besichtigen.