Schatzkisten der Schüler
Meine Schulzeit liegt schon lange zurück. Obwohl die Lehrerinnen und Lehrer fast alle nicht nur schlecht, sondern auch noch brutal waren, habe ich im Gegensatz allerdings zu etwas sensibleren Mitschülerinnen keinen dauerhaften Schaden davongetragen.
In den ersten beiden Volksschulklassen wurde von den Lehrerinnen heftig drauflosgeschlagen, allerdings waren meine beiden Lehrer für die dritte und vierte Klasse großartig: Das war einmal Erhart Kreutziger, ein Dichter und Schöngeist, dann der Maler Hans Trippolt, der die Kinder liebte. Damit war es im Gymnasium vorbei, ein erheblicher Teil der damaligen Professoren waren stramme Rechte mit einschlägiger Vergangenheit, die ihre Unfähigkeit an den Schülern ausließen.
Nun bin ich wieder in der Schule. Einmal wöchentlich lese ich in der Klasse meiner Enkelin in einer Montessorischule in der Bregenzer Augasse den Kindern vor: Geschichten zu meiner und, wie ich hoffe, auch zu ihrer Freude. Und ich erlebe den Unterschied zwischen meiner Schulzeit und dem heutigen Umgang zwischen Lehrerinnen und Schülern. Da gibt es zwar durchaus auch ein Autoritätsverhältnis, das aber nicht – wie bei uns – auf Angst vor Schlägen oder Strafe basiert, sondern auf gegenseitigem Respekt und gutem Umgang von beiden Seiten.
Heute gibt es wieder einen ganz besonderen Tag in der Schule. Meine Enkelin hat mich zum Schatzkistentag eingeladen. Das ist der Tag, an dem die Leistungen und die Arbeiten des vergangenen Semesters im Beisein der Lehrerin gezeigt werden.
Eingeladen sind Eltern, Geschwister, Großeltern, die Schüler präsentieren aus ihrer „Schatzkiste“, sie erklären, wie und warum sie diese Arbeiten gemacht haben, sie zeigen ihre Vorlieben und auch Dinge, mit denen sie sich schwerer tun. Vor allem sind sie stolz auf das, was sie geleistet, gelesen, gerechnet, gebastelt haben. Allein dieser Stolz auf das eigene Tun rechtfertigt den Aufwand, denn er bestätigt die Kinder auf ihrem Weg. Und dann gibt es natürlich auch noch ein Zeugnis, keine Noten, aber eine schriftliche Bewertung der Lehrerin über die Leistungen der Schüler.
Trotz solchen Wissens wird von der neuen Bundesregierung ernsthaft überlegt, wieder zur Note, zum Einser und Fünfer zurückzukommen. Ich kann und ich will das nicht verstehen. Vielleicht müsste man die zuständigen Ministerinnen einmal zum Schatzkistentag in unserer Schule einladen. Sie würden, so glaube ich, geläutert herauskommen.
„Da gibt es zwar durchaus auch ein Autoritätsverhältnis, das aber nicht – wie bei uns – auf Angst vor Schlägen oder Strafe basiert, sondern auf gegenseitigem Respekt und gutem Umgang von beiden Seiten.“
Walter Fink
walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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