„Die Flöte hat etwas Mystisches“

Kultur / 29.05.2019 • 20:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Anja Nowotny-Baldauf tritt nicht nur in Konzertsälen, sondern nun auch im Martinsturm auf.

Dornbirn Das Symphonieorchester Vorarlberg ist schon längst ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Musiklebens in unserem Land. Es gibt in seinen Reihen Persönlichkeiten, die auch als Solisten oder in anderen Ensembles auftreten. Ihnen noch mehr Profil zu verleihen, ist das Ziel einer Serie von Gesprächen mit Musikerinnen und Musikern in lockerer Folge.

Anja Nowotny-Baldauf wurde 1979 in Dornbirn geboren, studierte Querflöte am Landeskonservatorium in Feldkirch bei Eva Amsler und Karl-Heinz Schütz und schloss 2003 mit Auszeichnung ab. An der Bruckneruniversität Linz setzte sie ihr Studium, erweitert durch Traversflöte, fort. 2004–2008 erwarb sie das künstlerische Diplom und absolvierte das Aufbaustudium „Solistische Ausbildung“ bei Gülsen Tatu an der Musikhochschule Trossingen, beides mit Bestnote. Im Nebenfach belegte sie Traversflöte bei Linde Brunmayr-Tutz. Sie ist Preisträgerin zahlreicher Musikwettbewerbe, z. B. bei Gradus ad Parnassum, und absolvierte viele Meisterkurse. Seit 2002 spielt sie im Symphonieorchester Vorarlberg, seit 2016 auf der Soloposition, außerdem bei der Sinfonietta Vorarlberg und dem Rheintaler Bachorchester. Sie absolvierte solistische Auftritte mit regionalen Orchestern und pflegt eine rege Kammermusiktätigkeit mit dem Ensemble plus sowie unter anderem mit dem Holzbläserquintett ventus musicus und dem Trio Contrast. Seit 1997 unterrichtet sie an der Musikschule am Hofsteig. Sie gab zahlreiche Workshops im Blasmusikbereich und hatte im Wintersemester 2011/12 einen Gastlehrauftrag für Querflöte an der Musikhochschule Trossingen. Außerdem war sie als Jurorin bei Wettbewerben in Deutschland und Österreich tätig. Anja Nowotny-Baldauf lebt mit ihrer Familie im Allgäu.

Wie sind Sie zur Flöte gekommen?

Nowotny-Baldauf Für mich war mit acht Jahren klar, dass ich Klarinette lernen will. Im Musikverein Lochau wurde aber Flötistennachwuchs gesucht, und ich entschied, typisch Mädchen: „Flöte: silbrig, glänzt, gefällt mir.“ Meine Oma kaufte damals auch ein Klavier, und so habe ich zeitgleich mit beiden Instrumenten begonnen. So habe ich mir glücklicherweise das Theater mit den Blättern bei den Klarinettenmundstücken erspart.

Sie kommen aus einer Blasmusikfamilie?

Nowotny-Baldauf Ich bin wie fast alle Bläser mit der Blasmusik groß geworden. Nach dem Instrumentalunterricht wurde daheim, zum Beispiel gemeinsam mit meinem Vater und meinem Bruder mit dem Marschbuch des Musikvereins Lochau geübt. Ich war bis zum Jahr 2010 Mitglied des Musikvereins Lochau und habe viele Jahre im Sinfonischen Blasorchester Vorarlberg auf der Soloposition gespielt

Welche Rolle spielen die Flöten im Orchester?

Nowotny-Baldauf Die Flöten führen mit der Oboe die Holzbläsergruppe an. Komponisten setzen die Flöte oft für naturnahe Klänge, wie z. B. Vogelgezwitscher, oder als helle Klangfarbe zu den ersten Violinen ein. Die Flöte hat etwas Mystisches, z. B. im „Reigen seliger Geister“ in „Orpheus und Eurydike“ von Gluck. Die Klangfarbe ist sehr variabel, man kann sämtliche Gefühlsregungen damit beschreiben. Sie ist eines der ältesten Instrumente überhaupt, es gibt z. B. noch erhaltene Knochenflöten.

Querflöte oder Traversflöte: Was sind die Unterschiede und was ist Ihnen lieber?

Nowotny-Baldauf Ich liebe den warmen Klang der Traversflöte und habe ein großes Faible für Barockmusik. Im Orchester und speziell in der Neuen Musik, die ich sehr viel spiele, muss man als Flötistin sämtliche Instrumente der Querflötenfamilie abdecken: Piccolo, Alt- und Bassflöte. Die Traversflöte hat nur eine Klappe, die Griffe sind ganz anders. Da man nicht alles machen kann, steht sie bei mir derzeit leider im Hintergrund.

Sie haben bei Mahlers Achter unter Kirill Petrenko mitgespielt. Wie ist es, in so einer Riesenbesetzung zu spielen?

Nowotny-Baldauf Zeitweise sehr laut. Es ist ein sehr komplexes Werk. Sechs Flöten mit sechs verschiedenen Stimmen. Alle Holzbläser spielen in Extremlagen, was sehr heikel ist. Auch Töne, die nur mit Tricks hervorgebracht werden können. Kirill Petrenko ist ein fantastischer Dirigent, und es ist ein unglaubliches Werk, ich habe große Ehrfurcht vor dem Komponisten und dem geistigen Gehalt des Werks. Es war für alle eine Ehre, Teil dieses Ganzen zu sein.

Sie spielen auch viel Neue Musik und Kammermusik, z. B. am 1. Juni mit dem Ensemble plus in Bregenz. Was reizt Sie daran?

Nowotny-Baldauf Die Literatur ist sehr vielseitig, es ist alles viel intimer, ganz anders als im Orchester. Im Martinsturm spielen wir u. a. „Chant de Linos“ von André Jolivet. Auch hier spielt die griechische Mythologie eine große Rolle. Es ist eigentlich eine Totenklage um Linos, einen antiken Musiker, der nach einer Überlieferung von seinem Schüler Herakles mit der Lyra erschlagen wurde. Das Stück gehört mit zu den schwersten der Flötenliteratur. Wir spielen es in der Fassung für Flöte, Violine, Viola, Violoncello und Harfe. In Rebstein gibt es eine Kombination aus Barockmusik und Modernem, u. a. eine Uraufführung: die „Musik für Flöte, Klarinette und Cembalo“ (2018) von Wladimir Rosinskij. Hier hat besonders die ungewöhnliche Besetzung ihren eigenen Reiz. Den dritten Teil hat der Komponist seinem 2017 verstorbenen Freund, dem russischen Opernsänger Dmitri Hvorostovsky, gewidmet.

Was ist für Sie das Besondere am SOV?

Nowotny-Baldauf Dass es nicht Routine ist, nicht Musik vom Fließband. Man trifft sich mit Freunden, um gute Musik zu machen. Es hat eine ganz spezielle Energie. Ich finde auch die Programme eine wunderbare Mischung aus gängigem Repertoire und Neuem. Positiv ist auch, dass das Orchester je nach Programm und Dirigent jeweils anders klingen darf. Ulrike Längle

Anja Nowotny-Baldauf spielt am 1. Juni, 20 Uhr, mit dem Ensemble plus in Bregenz (Martinsturm und Magazin 4). Am 5. Juni, 11 Uhr, spielt das SOV auf dem Kornmarktplatz.