Mit dem Rad gegen Windmühlen

Kultur / 17.07.2019 • 15:55 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Bassbariton Gábor Bretz (45) gibt den Don Quichotte in der Festspiel-Hausoper.

Christa Dietrich

BREGENZ Er hat das rechte Alter, die hagere Statur und die dunkle Stimme für einen glaubhaften Don Quichotte. Im Privatleben ist er Vater von sieben Kindern. Die hat der ungarische Bassbariton Gábor Bretz samt Frau Bernadett, die zuhause in Buda einen Schokoladenladen betreibt, gleich zu seinem Festspielengagement nach Vorarlberg mitgebracht. Er lebt mit ihnen in Lauterach, für ihn „die Mitte der Welt, dieses schöne, schöne Dorf“, von wo er täglich ökobewusst mit dem Fahrrad zu seiner Arbeit als Don Quichotte im Kampf gegen Windmühlen ausrückt.
„Die Aufführung dieser Oper steht und fällt mit der Besetzung der Titelrolle, für die wir mit Gábor Bretz eine hervorragende Sängerpersönlichkeit gefunden haben,“ legt Festspielintendantin Elisabeth Sobotka die Latte hoch und streut ihm gleichzeitig Vorschussrosen für diese berühmt-berüchtigte Opernpartie, die Jules Massenet 1910 dem russischen Bassisten Fjodor Schaljapin auf den Leib geschrieben hat.

Wie groß ist der Respekt, wenn man in die Fußstapfen eines Schaljapin tritt?

Die Herausforderung ist natürlich groß. Aber Massenet hat diese Partie in Absprache mit Schaljapin komponiert und sich an dessen Vorstellungen gehalten. Darum ist das alles sehr musikalisch und ideal für die Gesangstechnik geschrieben, mit wundervollen Melodien und macht sehr viel Spaß. Nur lang ist die Rolle schon. Schaljapin muss viel Kondition gehabt haben.

Sie würden den Don Quichotte also nicht als „Mörderpartie“ bezeichnen, wie man das oft hört?

Nein, überhaupt nicht! Das ist eine angenehme und sehr schöne Aufgabe. Es ist zwar eine Bassrolle, aber sie ist gleichzeitig nicht so tief wie ein Osmin oder Sarastro bei Mozart und liegt mir als Bassbariton deshalb besonders.

Sie sind zum ersten Mal hier. Wie waren die Arbeitsbedingungen in Bregenz?

Also die ersten drei Wochen waren sehr anstrengend, wir haben jeden Tag von 10 bis 18 Uhr geprobt. Da muss man dann schon manchmal oktavieren oder markieren, damit man am Abend noch Stimme hat. Es war sehr intensiv, aber das Publikum wird staunen, was wir in diesen fünf Bildern alles vorbereitet haben. Wir haben ein Superteam, das bis in die kleinsten Rollen sehr stimmig besetzt ist.

Wie wird in dieser Oper die vielschichtige Persönlichkeit des Don Quichotte charakterisiert, was wird von Ihnen als Schauspieler gefordert?

Wir haben eine hervorragende Zusammenarbeit mit Mariame Clément, unserer französischen Regisseurin. Sie hatte schon vor Probenbeginn ein konkretes Konzept und hat die Charaktere in ihren Beziehungen zueinander sehr genau herausgearbeitet. Im Don Quichotte erkenne ich immer wieder bestimmte Charakterzüge von Don Giovanni und Herzog Blaubart, die ich öfters singe. Er ist ein Idealist, der von Liebe angetrieben wird und nicht erreichen kann, was er begehrt.

Haben Sie diese wenig bekannte Partie eigens für Bregenz einstudiert?

Ich kannte diese Oper gar nicht und singe diese Rolle zum ersten Mal, zum Einstudieren habe ich etwa ein halbes Jahr gebraucht. Dazu kam, dass das in Französisch war, einer Sprache, die ich liebe, in der ich aber selten singe. Wir haben keinen Souffleur, da muss das gut sitzen. Ich hoffe auch, dass ich das nicht nur für diese drei Vorstellungen in Bregenz gelernt habe.

Ihr Name Bretz klingt so gar nicht ungarisch – gab es deutsche Vorfahren?


Ja, natürlich, „Bretz“ mit t-z, die kamen irgendwo aus Sachsen. Ich bin aber in Budapest geboren und habe wie die meisten Opernsänger zunächst im Chor begonnen. Daneben habe ich Klavier gelernt, war aber zu faul zum Üben und so bin ich schließlich Sänger geworden, aber erst mit 30, denn vor der Musikakademie wollte ich zunächst noch Wirtschaft studieren.

Da waren Sie ein Spätberufener?

Nein, für einen Bass war das immer noch zu früh, der sollte zwischen 40 und 60 den Höhepunkt seiner Karriere erreichen. Ich habe mit 30 ziemlich viele Vorsingen gemacht, aber oft war das Problem, das ich zu jung war für Rocco oder Daland, für diese Vaterrollen, für die man Bässe braucht. Also für mich war es damals besser, die Jüngeren wie Don Giovanni, Leporello oder Figaro zu singen.

Gibt es noch Wunschrollen für Ihr Fach?

Wagner habe ich schon ziemlich viel gesungen, etwa den Holländer in Oberammergau, aber der Hans Sachs in den „Meistersingern“ wäre für mich eine Traumpartie, auch der Ochs im „Rosenkavalier“ und einige interessante Verdi-Partien. Den Jochanaan in der Salzburger „Salome“ singe ich anschließend wieder.

Möchten Sie in Bregenz gerne auch auf der Seebühne singen?

Ja, natürlich, das wäre eine sehr schöne Erfahrung für mich.

Hatten Sie während der Proben auch etwas Zeit, mit Ihrer Familie den See und die Landschaft hier zu genießen?

Ja, natürlich! Das ist hier wirklich einer meiner schönsten Urlaube – mit ein bisschen Arbeit dabei (lacht). Es geschieht sehr selten, dass ein Engagement einem so viel Spaß macht wie hier!

Gábor Bretz
Bassbariton, Opernsänger
Geboren 1974 in Budapest
Ausbildung Los Angeles, Konservatorium und Musikakademie Budapest
Stationen Regelmäßige Verpflichtungen an der Ungarischen Staatsoper Budapest, weitere Engagements bei den Wiener Festwochen, Salzburger Festspiele, Aix-en-Provence und den Opernhäusern New York, Moskau, Mailand und Berlin.
Repertoire Wichtigste Bass- und Bassbaritonpartien des Opernrepertoires; gefragter Sänger im Mess- und Oratorienbereich

„Don Quichotte“ von Jules Massenet im Festspielhaus: Premiere 18. Juli, weitere Vorstellungen 21. Juli und 29. Juli. Gábor Bretz singt auch im Verdi-Requiem am 22. Juli.