Medea in Salzburg: Eine Hochzeit und mindestens vier Todesfälle

01.08.2019 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Elena Stikhina als Médée und Pavel Cernoch als Jason in Cherubinis Oper "Médée" im Großen Festspielhaus in Salzburg. APA
Elena Stikhina als Médée und Pavel Cernoch als Jason in Cherubinis Oper „Médée“ im Großen Festspielhaus in Salzburg. APA

Die Oper „Médée“ mutiert bei den Salzburger Festspielen zum Film und wird grandios für die Bühne zurückgewonnen.

Christa Dietrich

Salzburg Mit Polyamorie wird heute eine Lebensart clean umschrieben, die nur dann funktioniert, wenn sich beide Partner dafür entscheiden. Pech für die Frauen von Jason, Pech vor allem für Medea, jene Figur aus der griechischen Mythologie und einer Tragödie von Euripides, die als Verlassene, Ausgestoßene, Rächerin und Mörderin ihrer Kinder bis in die Gegenwart herauf eine feste Position in Literatur, Theater und bildender Kunst einnimmt. Nach einer „Medea“-Inszenierung am Burgtheater und dem vielschichtigen Pendant mit zahlreichen Toten unter dem Titel „Eine griechische Trilogie“ am nicht weniger renommierten Berliner Ensemble, war zu erahnen, dass der australisch-schweizerische Regisseur Simon Stone auch die 1797 uraufgeführte Oper „Médée“ von Luigi Cherubini für die Salzburger Festspiele in einer heutigen Gesellschaft ansiedelt, die sich zwar liberal gibt, die bei der Gleichstellung von Mann und Frau sowie bei der Toleranz gegenüber Fremden aber noch gewaltigen Nachholbedarf hat. Polyamorie dient den Ausstattern Bob Cousins (Bühne) und Mel Page (Kostüme) als inspirierender Begriff, spielt sich die Tragödie doch im schicken Milieu der bestens Situierten ab, wo das Vergnügen einen hohen Stellenwert hat und Empathie sehr klein geschrieben wird.

Die Idee funktioniert

Freilich darf man nicht fragen, woher das Geld kommt, mit dem Créon in seinem Nachtclub protzt, und das Jason eine Villa in bester Seeuferlage beschert. Médée, die Zugereiste, die Fremde, die für ihre Liebe bereits Verbrechen begangen hat, soll Familienglück – zwei Kinder, Designerküche, dickes Auto – repräsentieren, wird mit ihrem Wunsch nach Monogamie aber zunehmend zum störenden Element und per Scheidung abserviert und abgeschoben. Die Söhne behält er und bekommt damit ein Problem.

Sind wir im falschen Raum, etwa im Kino?, flüstert eine Stimme halb scherzhaft in den Publikumsreihen bei der Premiere im Großen Festspielhaus. Dass die dortige Cinemascope-Bühne schwer bespielbar ist, haben schon Generationen von Regisseuren erfahren müssen. Stone nutzt sie gleich als Leinwand, kombiniert gefilmte harmonische Eheszenen mit dem gespielten zunehmenden Zerwürfnis oder verdoppelt den Zweifel der neuen Flamme Dircé mit eingeblendeten Nahaufnahmen und dem Gesang. Es ist nicht die Livefilmerei, die ein Frank Castorf so exzellent perfektioniert hat, es ist eine Machart, die der Inszenierung enormen Drive verleiht. In derart rasanter Optik wird Musiktheater selten abgespult, doch Stone verleiht ihr Stringenz, Nachvollziehbarkeit. Die Idee von der Abschiebung Medeas (hier in ein schäbiges Tiflis) funktioniert so wie ihre Festnahme bei der Rückkehr am Einreise-Gate am Flughafen, weil dieses Regieteam mit dem Schrittzähler vorgegangen sein muss. Librettogenauigkeit braucht angesichts der Verse von Francois-Benoit Hoffman nicht eingefordert zu werden und die Musik hält ja mit.

Tolle Besetzung

Thomas Hengelbrock entlockt mit den Wiener Philharmonikern der Partitur so viel Farbigkeit wie nur möglich. Mehr Drama geht nicht, das hat sich erst jünst auch an der Staatsoper in Berlin gezeigt, die unter Daniel Barenboim an dieses, keinem Genre direkt zuordenbare Cherubini-Werk erinnert hat. Dort hat Sonya Yoncheva in der Titelrolle gewütet, was das Zeug hält. Sie war auch für Salzburg vorgesehen, eine enorme Herausforderung für Einspringerin Elena Stikhina, die mit weichem, aber bestimmten Timbre die exponierten Töne erreicht und eine Rollengestaltung hinlegt, die in jeder Faser dieses zwischendurch als Krimi angelegten Dramas überzeugt. In Berlin hat Andrea Breth noch die Mythologie bemüht, auf die Simon Stone pfeift. Ins Hollywood-Pathos driftet er mit seinen mindestens vier Todesfällen und einer Hochzeit schon nicht ab. Ob es die eingeblendeten Telefonate Medeas mit Jason braucht, sei dahingestellt. Nachdem sich Pavel Cernoch, den man in Bregenz als Amleto von Faccio bestens in Erinnerung hat, am Ende vom Forcieren wunderbar befreit und das Ensemble kaum Wünsche offen lässt, macht sich Wonne breit. Die Machos haben ihr Fett abgekriegt und Salzburg hat mit der zweiten Premiere eine herausragende Opernproduktion.

Aufführungen von „Médée“ bei den Salzburger Festspielen bis 19. August. Die Produktion kommt danach ans Teatr Wielki in Warschau.