Bregenz im Brahms-Taumel

Kultur / 05.08.2019 • 12:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Philippe Jordan mit den Wiener Symphonikern im Bregenzer Festspielhaus. BF/D. MATHIS

Philippe Jordan und die Wiener Symphoniker boten im Rahmen der Bregenzer Festspiele mit Brahms Höchstklassiges.

bregenz Die Meinungen sind einhellig, die Begeisterung ist groß. Das war am Sonntag wieder einmal ein Festspielkonzert der absoluten Sonderklasse, bei dem die Wiener Symphoniker über sich selbst und das gewohnt hohe Niveau hinausgewachsen sind, gezeigt haben, was wirklich in ihnen steckt an Kraft und Können, wenn nur der rechte Mann am Pult steht. Philippe Jordan, ihr Chefdirigent, musizierte in der Sonntagsmatinee im ausverkauften Festspielhaus mit ihnen einen hinreißenden Brahms, machte dessen ersten beiden Symphonien zu einem Konzertereignis ersten Ranges und versetzte damit das Publikum in einen wahren Freudentaumel.

Dabei sind die Werke Nr. 1 und 2 bloß der erste Teil eines Zyklus aller vier Brahms-Symphonien, die sich die Verantwortlichen in Wien und Bregenz für zwei Konzerte in dieser Konstellation als einmaligen Knüller in der Festspielgeschichte ausgedacht haben. Es ist das letzte große künstlerische Projekt in der Ära Philippe Jordan vor seinem Abgang als Musikdirektor an die Wiener Staatsoper und die logische Fortsetzung des eben abgeschlossenen Beethoven-Zyklus´. Mit dem Unterschied, dass die Premiere diesmal in Bregenz stattfindet, bevor die Werke im September auch im Wiener Abo aufgeführt und mitgeschnitten werden.

Die Faszination dieses Vormittags geht natürlich zunächst vom Dirigenten aus, dem 44-jährigen Luzerner Philippe Jordan, diesem Teufelskerl, der es faustdick hinter den Ohren hat und sich diese Werke so zu eigen gemacht hat, dass er sie auswendig drauf hat. Gerade bei Brahms erschließt sich für ihn die Wahrheit der Partitur aus der kompromisslosen Schönheit des Klangs. Sicher nicht 14 Jahre lang wie Brahms im übermächtigen Schatten Beethovens um seine Erste hat Jordan wohl um seine Interpretation dieses Werkes gerungen. So kommt diese klassisch viersätzige „Schicksals-Symphonie“ in c-Moll bei ihm frisch und aufgeräumt daher, entschlackt und auf neuen Wegen. Die Paukenschläge am Beginn geben einen gemessenen, nicht überhasteten Puls vor, das Frage- und Antwortspiel der Holzbläser, das blühende Solo der neuen Konzertmeisterin Sophie Heinrich und die alpine, zu Herzen gehende Hornmelodie führen über Jordan geradewegs zum Choral, mit dem er das grandiose Finale in durchgestylter Klarheit einleitet. Jubel schon zur Pause.

Klischees über Bord geworfen

Auch die sehnsuchtsvolle Zweite in D-Dur, etwas weniger populär und ein Jahr später mit leichter Hand in Pörtschach entstanden, nach Beethovens Vorbild fälschlicherweise gerne „Pastorale“ geheißen, klingt so, als ob Jordan das Klischee von Brahms als dem ewigen düsteren Melancholiker längst über Bord geworfen hätte zugunsten einer gestrafften, wohltuend heutigen und melodienseligen Romantik. Dabei ist der Dirigent bei aller Verliebtheit in schöne Klänge doch von unerbittlicher Konsequenz, wenn er wie elektrisierend vor dem Orchester steht und absolute Präzision, Perfektion und Präsenz einfordert. Wenn man weiß, dass Jordan während der vergangenen intensiven Probenwoche zwischendurch auch seinen Verpflichtungen als „Meistersinger“-Dirigent im drei Autostunden entfernten Bayreuth nachgekommen ist, wird das Ergebnis dieser Arbeit umso bemerkenswerter.

Das Orchester, gebündelt in einem gemeinsamen Wollen zwischen Risikobereitschaft und Sorgfalt, zieht mit ihm an einem Strang, ist ihm mit kompetent besetzten ersten Pulten verbunden und lässt Brahms lustvoll schwelgend im weltweit gerühmten Wiener Klang erstrahlen. Damit kommt als Sahnehäubchen auch noch jene Leidenschaft zum Erglühen, die man an den symphonischen Werken von Brahms so liebt und die noch heute den Zuhörern wohlig-warme Schauer über den Rücken jagt. Das Publikum, das vor Konzentration kaum zu atmen wagt, macht seiner Begeisterung lautstark Luft und freut sich schon auf die Fortsetzung. Fritz Jurmann

Bregenzer Festspiele: 3. Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker, 5. August, 19.30 Uhr, Festspielhaus, Dirigent: Philippe Jordan (Brahms Symphonien Nr. 3 und 4)