„Eugen Onegin“-Regisseur: „Momente, die wir alle kennen“

Kultur / 12.08.2019 • 08:30 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Eßinger: „,Eugen Onegin‘ bietet eine gute Möglichkeit, Oper überhaupt kennenzulernen. Mich würde es freuen, wenn gerade junge Leute kommen.“ BF/forster
Eßinger: „,Eugen Onegin‘ bietet eine gute Möglichkeit, Oper überhaupt kennenzulernen. Mich würde es freuen, wenn gerade junge Leute kommen.“ BF/forster

In „Eugen Onegin“ stehen junge Verliebte auf der Bühne. Eßinger ist in Bregenz aber auch James Bond begegnet.

Christa Dietrich

bregenz Es sei für ihn wie nach Hause zu kommen, sagt Jan Eßinger. Auch wenn man den Satz oft hört, trifft er auf seine Situation zu, denn bei den Bregenzer Festspielen war der deutsche Regisseur bereits als Stagemanager bei Produktionen auf dem See tätig. Bei „Solaris“, der Oper, die im Jahr 2012 im Festspielhaus uraufgeführt wurde, hat er assistiert. Nun inszeniert er Tschaikowskis „Eugen Onegin“. Die Geschichte von den jungen verliebten Menschen bleibt, wie sie ist, doch die Umsetzung ist etwas derart Besonderes, dass man von einer Bregenzer Fassung sprechen kann.

„Eugen Onegin“, 1879 uraufgeführt, spielt in Ihrer Inszenierung sozusagen im Heute. Während die Frauen durchaus flexibel sind, hängen die Männer beispielsweise an alten Ehrvorstellungen, gemordet wird nicht aus Eifersucht im Effekt, sie duellieren sich. Wie geht das zusammen?

Eßinger Dieses Duell war eine große Frage. Wie macht man das heute in unserem Kulturkreis, in dem es den Ehrenmord nicht gibt? Es gibt die Variante, dass man sagt, es passiert im Effekt, aber dann stellt man sich dem nicht. Wenn man sagt, sie sind noch betrunken, weicht man dem Thema aus. Wir zeigen, dass Lenski auf dem Fest emotional auf einen Punkt gebracht ist, dass er etwas ausruft, das er so nicht meint. Für ihn bringt das Spiel von Onegin und Olga das Faß zum Überlaufen. Onegin glaubt zudem bis zuletzt nicht, dass das Duell mit Lenski wirklich stattfindet. Und dann gibt es im Duett am Anfang einen Akkord, bei dem ich das Gefühl hatte, jetzt ist beiden klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Keiner hat noch die Möglichkeit zu sagen, komm, wir lassen es doch.

 

Die literarische Basis ist ein sehr guter Puschkin-Text. Es stellt sich aber die Frage, ob man heute noch in derartigen Korsetts steckt. Wir haben uns Freiheiten erkämpft. Heute wäre es ja bestenfalls ein Korsett, das man sich selbst auferlegt. Davon handelt die Oper aber nicht.

Eßinger Wir sind freier, das stimmt. Aber trotzdem wird vor allem im ländlichen Raum schon noch darauf geschaut, mit wem da die Tochter zusammen ist. Ich lebe in Berlin. Da tun alle sehr frei, aber auch ein Hipster ist 2019 kein ganz freier Mensch. Wir zeigen die Freiheit etwa so, dass sich die jungen Frauen nicht mehr darum kümmern, für wen sie sich da hübsch machen. Aber gleichzeitig merkt man, wie sich die Stimmung verändert, wenn die beiden jungen Männer auftreten und vor allem Eugen Onegin, der von außen kommt.

 

Tschaikowski hat die Oper, die er „Lyrische Szenen“ nennt, explizit für junge Stimmen geschrieben. Sie soll von jungen Menschen handeln. Wie setzen Sie diesen Anspruch, abgesehen davon, dass Sie ein junges Ensemble haben, um?

Eßinger Wir haben gesagt, dass es keine Teenager mehr sind, aber junge Leute am Übergang zum Erwachsensein. Egal, ob Tatjana nun 17 oder 19 ist, der springende Punkt ist, dass sie etwas erlebt, das sie vorher noch nicht erlebt hat.

 

Es ist Ihre erste „Eugen Onegin“-Inszenierung. Wo liegt die besondere Herausforderung?

Eßinger Mich hat interessiert, was in Tschaikowski vorging, der es als Versäumnis sah, dass man nirgendwo Opern mit ganz jungen Menschen sehen konnte. Gereizt hat mich auch, das Verhältnis zwischen der Amme Filipjewna und Tatjana zu eruieren. Wieso hat sie so ein empathisches Verhältnis zu dem Mädchen? Wie kann man das in Rückblenden zeigen? Das war einer der konzeptionellen Ankerpunkte.

 

Vermutlich denkt Filipjewna an das, was sie versäumt hat oder was sie sich damals nicht getraut hat.

Eßinger Genau, häufig wird der Satz, in dem sie von der Gewöhnung singt, negativ gesehen. Ich glaube, dass das nicht so sein muss. Wir stehen alle einmal an einem Punkt, an dem wir in diese oder in eine andere Richtung gehen. Das gibt es nicht nur bei der Begegnung mit einem Mann bzw. mit einer Frau, sondern in verschiedenen Bereichen. Das macht das Stück auch so heutig, wobei man natürlich Momente wie jenen mit dem Duell knacken muss. Ich denke aber, das Thema dieser Oper geht uns wirklich alle etwas an. „Eugen Onegin“ bietet eine gute Möglichkeit, um Oper überhaupt kennenzulernen. Mich würde es sehr freuen, wenn gerade junge Leute kommen. Es klingt zwar etwas banal, aber da zeigt sich die Qualität, die Oper hat, nämlich uns zu berühren. Es sind Themen, die uns wirklich sehr nahe sind. Jemand will sich noch nicht fest binden. Wann ist der Moment, an dem sich Olga für Lenski entscheidet? Empfindet Onegin vielleicht doch etwas für Tatjana, gibt ihr aber ihren Liebesbrief zurück, weil er sich noch nicht sicher ist?

Er wird gerne als Dandy gezeigt. Ist er versnobt?

Eßinger Ich hoffe, sein Verhalten kommt als ein natürliches herüber. Er ist einfach anders sozialisiert. Er ist kein gefühlloser Mensch, er versucht, auf eine gute Art mit Tatjana Schluss zu machen, er versucht, ihr nicht weh zu tun, tut ihr aber trotzdem weh. Das sind Momente, die wir alle kennen.

 

Auch der Dirigent Valentin Uryupin sprach vom kleinen Bregenzer Kornmarkttheater von einem guten Raum für diese Oper. Das ist gerade im Hinblick auf den Chor nicht ganz nachvollziehbar. Da stellt sich ein Problem ein. Wie lösen Sie es?

Eßinger Es ist insofern ein toller Raum für die Oper, als es für uns keinen szenischen Chor geben wird. Wir haben extra für diese Bregenzer Fassung in Perm den geeigneten Chor gefunden. Er hat die Chorpartien zum Teil auch mit Orchester vor Ort eingesungen und aufgenommen. Wir haben das so gemacht, dass der Dirigent genau sein Tempo hatte, um das perfekt mit dem Live-Orchester zuammenzukriegen. Es findet ein Ball statt, den die Solisten kurz verlassen, somit kann das funktionieren. Und Filipjewna hört eine Schallplatte. Es ist ein gewisses Risiko, das man eingeht, ich wusste aber, dass der Chor das fantastisch einsingt.

 

Wie gestaltet sich die Arbeit mit jungen Leuten, die mehr oder weniger alle in ihren Rollen debütieren?

Eßinger Sie sind jung, aber das sind alle keine blutigen Anfänger mehr. Ich muss sagen, dass ich diese Arbeit wirklich sehr gerne mache. Ich habe in Zürich mit dem Opernstudio gearbeitet und in Salzburg im Young Singers Project. Der einzige Unterschied ist, dass man im einen oder anderen Moment mehr Verständnis braucht. Wenn man das mitbringt, gestaltet sich die Arbeit wie jene mit erfahreneren Sängern.

Haben Sie von Ihrer Arbeit bei den Opern auf dem See etwas Besonderes in Erinnerung? Waren auf diesem großen Areal immer alle Sänger zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

Eßinger Es war meine Aufgabe, Chor und Solisten zum Auftritt zu schicken. Es gab tatsächlich einen Tenor, den man regelmäßig suchen musste. Die Rolle des Cavaradossi in „Tosca“ war wie alle Hauptrollen in den Seeopern dreifach besetzt. Einer der Tenöre musste immer erst gesucht werden. Es gab da ja einen Auftritt auf dieser Pupille im „Tosca“-Auge für den man auf die Sekunde bereit sein musste. Als besondere Erfahrung würde ich die „James Bond“-Dreharbeiten auf der Seebühne erwähnen. In Armreichweite von Daniel Craig zu arbeiten, das war schon etwas.

 

Wollten Sie gleich Opernregisseur werden, oder hat sich dieser Berufswunsch sozusagen entwickelt?

Eßinger Ich habe auch Gesangsunterricht genommen und wusste zuerst nicht, dass man Musiktheaterregie richtig studieren kann. Ich habe es studiert und dann war für mich die Entscheidung klar. Ich mag es, im großen Team Sehweisen zu entwickeln.

 

Ihr Repertoire ist groß, was steht noch an oder was möchten Sie sich erarbeiten?

Eßinger Meine nächste Produktion wird in Schwetzingen sein, und zwar „Der getreue Alceste“ von Georg Caspar Schürmann. Gerade reizt es mich, das Randrepertoire im besten Sinne auszuloten. Trotzdem weiß ich, dass bald eine „Carmen“ und ein „Figaro“ kommen. Es würde mich auch reizen, mich mit Wagner auseinanderzusetzen. Grundsätzlich als Einstieg vielleicht mit dem „Fliegenden Holländer“, weil ich glaube, dass ich da gleich einen Ankerpunkt finde, „Parsifal“ wäre aber auch ein sehr reizvolles Werk. Im Plan hätte ich auch Opern von Janacek. Sowohl die Musik als auch die Psychologie der Figuren ist das, was mich interessiert.

Zur Person

Jan Eßinger

Geboren 1983 in Darmstadt

Tätigkeit Freischaffender Musiktheaterregisseur

Laufbahn in Wien, Hamburg, Zürich etc., mehrmals Assistent bei den Bregenzer Festspielen. Nun Regisseur der Oper „Eugen Onegin“ im Kornmarkttheater

Premiere „Eugen Onegin“, 12. August, Kornmarkt. Weitere Aufführungen am 13., 15. und 17. August: www.bregenzerfestspiele.com