Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Taube Tiefen tumber Toren

Kultur / 24.08.2019 • 08:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

In jüngerer Zeit waren wir in verschiedenen Ausstellungen, die Menschen mit Freude an der Kunst ins Schwärmen geraten lassen; wir waren in neueren und neuen Museen, deren Architekturen allein schon – vom Inhalt abgesehen – in einen Ausnahmezustand versetzen können; wir waren an Orten, die von der UNESCO mit dem Titel Weltkulturerbe ausgestattet wurden, deren Anblick sicher macht, dass der Mensch, der all diese Bauwerke geschaffen hat, tatsächlich der Homo sapiens ist, als der er sich gerne sieht. Wir haben also so viel Schönes gesehen, dass man diesem Blick auch alles andere anpasst. Muss ich schildern, wie sich das anfühlt, wenn man dann in die Niederungen österreichsicher Innenpolitik zu Zeiten eines unseligen Wahlkampfes zurückkommt? Muss ich schildern, wie einem zumute wird, wenn man sieht, in welch taube Tiefen tumbe Toren sinken können, wie tief sie – ähnlich den Skulpturen von Thomas Schütte am Bregenzer Kornmarktplatz – im Dreck stehen?
Es ist so unfassbar, zusehen zu müssen, wie noch vor Kurzem „vermeintlich beste Freunde“ in offener Lust und Bösartigkeit aufeinander losgehen, wie sie gegenseitig die Stelle suchen, bei der das Zuschlagen dem anderen besonders wehtut (man kennt die Stellen ja, schließlich ist man lange genug miteinander im politischen Bett gelegen) – das alles strotzt so vor Widerwärtigkeit, dass man am liebsten nichts mehr sehen und hören würde.

„Die Unverschämtheit, mit der sie uns belogen und betrogen haben, indem sie uns das Türkise und Blaue vom Himmel versprochen haben, ist unüberbietbar schlechtes Theater.“

Die Unverschämtheit, mit der sie uns belogen und betrogen haben, indem sie uns eineinhalb Jahre lang das Türkise und Blaue vom Himmel versprochen haben, indem uns Ex-Kanzler und Ex-Vizekanzler mit gegenseitig sich anhimmelndem Blick vermitteln wollten, dass sie beide nichts als unser Wohlergehen und das Fortkommen der Politik in lichte Höhen im Sinne haben, ist unüberbietbar schlechtes Theater. Und obwohl sie nichts tun, als sich gegenseitig schlechtzumachen, unterstehen sie sich nicht, gleichzeitig die Drohung auszustoßen, sich zukünftig wieder gemeinsam ins vermeintlich für sie gemachte politische Bett zu legen. All das ist unerträglich und dazu angetan, dass man sich wie einst bei Friedrich Schiller im „Ring des Polykrates“ mit Grausen abwenden möchte, um dem weiteren miesen Spiel nicht zusehen zu müssen. Am liebsten will man mit all diesen Kerls nichts mehr zu tun haben, man will nicht einmal mehr zur Wahl gehen. Aber: So leicht wollen wir es ihnen denn doch nicht machen. Im Gegenteil: Wir werden wählen.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.