Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Kultur ohne Hauptstadt

Kultur / 15.11.2019 • 19:18 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Vor Jahren, als sich in Vorarlberg die Städte Bregenz, Dornbirn, Hohenemes, Feldkirch und die Region Bregenzerwald entschieden, sich um den Titel einer Europäischen Kulturhauptstadt zu bewerben, sah ich die Sache in einem Kommentar an dieser Stelle etwas kritisch. Der Idealfall wäre, so habe ich damals gemeint, wenn sich diese Region in bisher ungewohntem Zusammentun bemühe, am Ende aber leer ausgehe. Denn dann hätte das Land den Vorteil, dass eine neue Form der Gemeinsamkeit eingetreten sei, das nachfolgende Großereignis aber ausbleibe. Mein Wunsch hat sich also erfüllt. „Dornbirn plus“, wie man die Bewerberregion nach dem Ausscheiden von Bregenz nannte, ist bekanntlich – genauso wie das favorisierte St. Pölten – Bad Ischl unterlegen. Sowohl St. Pölten als auch „Dornbirn plus“ haben erklärt, ihre Programme nun in eigener Verantwortung weiterzuführen.

Bad Ischl freut sich über die Zuerkennung des Kulturhauptstadt-Titels. Ich bin nicht sicher, ob das 2024 und danach immer noch so sein wird. Denn gerade das Salzkammergut, dessen Gemeinden neben anderen beteiligt sind, stöhnt jetzt schon unter der touristischen Belastung, das wunderbare Hallstadt ist so fest in chinesischer Hand, dass viele an Abwanderung denken. Man darf annehmen, dass nun noch mehr Menschen in die Region kommen und das Leben tatsächlich unerträglich wird.

Die Gefahr hätte in Vorarlberg wohl nicht bestanden, da hätte es im Rheintal und im Wald durchaus noch einige Touristen vertragen. Aber was hätte man diesen Besuchern denn geboten? Das ist leider nicht ganz klar geworden, denn außer dem kleinen Kreis, der die Bewerbung ausgearbeitet hat, wusste kaum jemand im Land über die Themen Bescheid. Außer dem Motto „Outburst of Courage“ (zu Deutsch: Mutausbruch) wurde kaum etwas bekannt – und darunter konnte man sich nicht allzu viel vorstellen. Einzig im Internet konnte man als Aufforderung für den „Mutausbruch“ lesen: „Mach einen Handstand“, „Umarme jemanden“, „Singe ein Lied“ oder „Tanze“. Ich denke, dass das wohl zu bescheidene Information war, dass überhaupt die ganze Geheimniskrämerei, die um das Thema der Bewerbung gemacht wurde, der Sache nur geschadet hat. Denn es fehlte die breite Basis, die alles getragen hätte.

Doch, um zum Anfang zurückzukehren: Vielleicht kann man nun auf breiterer Ebene weitermachen, möglicherweise kann man sogar Bregenz und Bludenz auch noch ins Boot holen, und dann tatsächlich erstmals in ganz Vorarlberg kulturell vernetzt arbeiten. Vielleicht kommt man dann zur Erkenntnis, dass es auch eine Kultur ohne Hauptstadt gibt.

„Die Gefahr hätte in Vorarlberg wohl nicht bestanden, da hätte es im Rheintal und im Wald durchaus noch einige Touristen vertragen.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.