Vom Transport her alles andere als weiblich

Kultur / 23.11.2019 • 15:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Ulrike Neubacher hat mit fünf Jahren mit dem Harfenspiel begonnen und ist seit 2006 Musikerin im SOV. NEUBACHER

VN-Interview: Ulrike Neubacher, Harfenistin im Symphonieorchester Vorarlberg

Bregenz Die Konzertharfenistin Ulrike Neubacher (geb. 1973) aus Tamsweg erlernte ihr Instrument an der Musikschule in Salzburg und absolvierte anschließend das Studium mit Auszeichnung bei Professor Eichling an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart, wo sie auch die Diplomprüfung als Konzertsolistin ablegte. Meisterkurse, u. a. bei Edvard Witsenburg, und Auftritte als Solistin ab dem 15. Lebensjahr vervollkommneten ihren künstlerischen Werdegang. Sie spielte zahlreiche CDs ein und unternahm Konzertreisen und Fernsehauftritte in Europa und Asien. Kammermusik in verschiedenen Besetzungen und irische Musik (Duo „Love of Ireland“) haben für sie ebenfalls hohen Stellenwert. Seit 1992 war sie als Solistin und Substitutin bei namhaften Ensembles tätig, u. a. im Südwestrundfunkorchester, im RSO Stuttgart, der St. Petersburger Kammerphilharmonie, dem Orchestre Symphonique de Lyon, im Ensemble Plus und dem Orchester Arpeggione. Seit 2006 spielt sie im SOV. Ulrike Neubacher unterrichtet an mehreren Schweizer Musikschulen und lebt mit ihrer Familie im Allgäu.

Wie sind Sie zur Harfe gekommen?

Neubacher Sie wurde mir in die Wiege gelegt: Mein Vater war Instrumentenbauer (Harfe, Hackbrett, Alphorn) und Musiklehrer, und die Harfe hat mich schon früh fasziniert. Mit fünf Jahren begann mein Unterricht. Von Tamsweg aus war die nächste Harfenlehrerin in Salzburg, mein Vater ist wöchentlich 240 km mit mir gefahren, bis zur Matura. Der Papa hat mir auch drei immer größere Harfen gebaut, meine vierte Harfe war dann eine Konzertharfe.

In Goethes „Wilhelm Meister“ kommt ein blinder Harfner vor. Kann man blind Harfe spielen?

Neubacher Die irischen Harfenspieler waren alle blind. Durch Hunger und Vitaminmangel gab es viele Blinde. Das waren aber technisch einfache Harfen ohne Pedale. Auf der Doppelpedalharfe, wie ich sie spiele, sind alle C-Saiten rot markiert und alle F blau. Daran orientiert man sich. Die Saiten sind wie die weißen Tasten am Klavier angeordnet, jedoch in Ces-Dur gestimmt. Die schwarzen Tasten macht man mit den sieben Pedalen, für jeden Ton eines. Es sieht leicht aus, ist es aber nicht.

Wie vermeiden Sie Blasen an den Fingerkuppen?

Neubacher Man muss schauen, dass man ständig übt, dann kriegt man eine Hornhaut. Die Saiten sind oben Nylon, in der Mitte Darm und unten Metall.

Wie schwer ist eine Doppelpedalharfe und wie transportieren Sie sie?

Neubacher Meine Harfe wiegt um die 45 kg, es gibt aber schwerere. Ich habe einen Harfenwagen zum Herumfahren, aber Stufen sind schwierig, z. B. im Martinsturm.

Welche Rolle spielt die Harfe im Orchester?

Neubacher Gluck hat als Erster in „Orpheus und Eurydike“ eine irische Harfe eingesetzt, bei der die Halbtöne mit Haken erzeugt werden. Ab 1720 gab es die Einpedalharfe, die von Tiroler Bauern entwickelt wurde, sie reichte aber nur von Es-Dur bis E-Dur. Erst 1810 wurde die Doppelpedalharfe erfunden. In der Romantik kam sie dann groß heraus, da begann der Triumphzug der Harfe im Orchester, z. B. bei Wagner und Puccini.

Was ist das Besondere am Harfenpart in Tschaikowskis „Nußknackersuite“?

Neubacher Die Kadenz im „Blumenwalzer“. Es ist eine Solo-Kadenz ohne Orchester. Sie ist auskomponiert und technisch anspruchsvoll. Sie ist auch deshalb so schön, weil man die ganze Bandbreite hört, von ganz oben bis unten. Im „Flagellantenzug“ von Bleyle ist auch viel Harfe dabei.

Sie machen Kammermusik mit den verschiedensten Instrumenten, z. B. mit Posaune, Kontrabass und sogar einem Tenor. Was lockt Sie an diesen ausgefallenen Kombinationen?

Neubacher Es gibt ganz wenig Originalliteratur. Man lernt die Instrumente in ganz anderen Kombinationen kennen. Die Harfe ist ein sehr angenehmes Begleitinstrument, sie ist viel feiner als ein Klavier, deckt aber auch nichts zu. Tenöre lieben die Harfe. Wie spielen z. B. Mendelssohns „Auf Flügeln des Gesanges“, das ist mit Harfe viel schöner. Ich mache aber auch Bearbeitungen von Originalbesetzungen, z. B. für Posaune und Klavier. Vor Kurzem haben wir ein Trio gegründet, mit Guy Speyers an der Viola, Anja Nowotny-Baldauf an der Flöte und mir. Da gibt es sehr viel Originalliteratur, v. a. aus dem Impressionismus, von Ravel und Débussy.

Die Harfe galt lange als sehr weibliches Instrument. Selbst in reinen Männerorchestern wurde die Harfe von einer Frau gespielt. Wie sehen Sie diese Beziehung?

Neubacher Vielleicht ist es deshalb, weil die Harfe sehr harmonisch klingt, obwohl sie vom Transport her alles andere als weiblich ist. In Irland haben z. B. nur Männer Harfe gespielt. Vielleicht spielt auch das Klischee vom lieblichen blonden Harfenengel aus der bildenden Kunst eine Rolle. Die Harfenisten, die man kennt, sind aber alle Männer: Nicanor Zabaleta und Xavier de Maistre. Es ist wie beim Kochen (lacht).

Treten Sie auch als Konzertharfenistin auf?

Neubacher Ja. In Weißpriach bei Tamsweg gibt es z. B. die „Internationale Streicherwoche“ (es sind auch Bläser dabei), da spiele ich seit 1996 jedes Jahr ein anderes Harfenkonzert, oft Raritäten aus Wiener Bibliotheken, die seit der Entstehung nie mehr gespielt wurden. Auch sonst gebe ich oft Recitals als Solistin.

Was ist für Sie das Besondere am SOV?

Neubacher Das sind die irrsinnig netten Kollegen, wie ich sie sonst in keinem Orchester getroffen habe. Als ich 2006 das erste Mal mitgespielt habe, habe ich zu meinem Mann gesagt: „Es ist wie eine Familie.“ Jeder freut sich, jeder will das Optimale herausholen. Ulrike Längle

30. November /1. Dezember, Feldkirch und Bregenz, Abonnementkonzert des SOV mit Werken von Bleyle, Tschaikowski und Bruch.