Wohnen verkommt zur Spekulationsware

Kultur / 08.12.2019 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ausstellungsansicht „Vorarlberg – Ein Generationendialog“. ARCHITEKTURZENTRUM WIEN, LISA RASTL

Überregionale Ausstellung skizziert „weltberühmte“ Vorarlberger Architektur und zeigt Problemfelder.

Christa Dietrich

Wien, Dornbirn Museen, Kindergärten, Schulen und eine Auswahl von Einfamilienhäusern bzw. Bauten aus Holz haben Architekturinteressierte auf der Adressenliste für den nächsten Vorarlberg-Besuch. Aber hoppla, die Beispiele für herausragende verdichtete Bauweise sind bereits mehrere Jahrzehnte alt. Dieses Bild ergibt sich in der Ausstellung „Vorarlberg – Ein Generationendialog“, die nun im Architekturzentrum Wien eröffnet wurde, einen sehr guten Einblick bietet und vor allem wichtige Fragen aufwirft bzw. wesentliche Diskussionen anheizt.

Mit „politischer Mutlosigkeit“ benennt Verena Konrad, Leiterin des Vorarlberger Architekturinstituts, die wesentliche Ursache dafür, dass die vielen Siedlungsbauten oder Mehrfamilienhäuser im Land abgesehen von einigen Ausnahmen selten Qualität aufweisen. Während in Wien nun, zentral im Museumsquartier, ein Porträt des oftmals mit Bewunderung zitierten Architekturlandes Vorarlberg präsentiert wird, besteht die Aussicht, dass das Thema in Dornbirn, wo die Ausstellung ab Mitte März nächsten Jahres gezeigt wird, so weit konkretisiert werden kann, dass nicht nur Baugrundknappheit, Grünflächenumwidmung und Wohnbauförderung, sondern auch Städtebau und Quartiersentwicklung wieder ein Thema sind. 

Blick zurück

Während die Kuratorinnen Sonja Pisarik und Katrin Stringl beinahe ein Bild eines Landes zeichnen, in dem der angeblich immer noch vorherrschende Wunsch der Bewohner, ein Einfamilienhaus auf die grüne Wiese zu stellen, vor allem von der Zersiedlungsproblematik und vielleicht noch von den Preisen eingedämmt wird, stehen die Menschen in Vorarlberg doch eher vor der Tatsache, dass es eine verdichtete Bauweise in einer Qualität, die sich Architektur nennen darf, kaum gibt. Nicht zufällig beschränkt sich die Aufzählung auf die Mitte der 1960er-Jahre entstandene Siedlung Halde von Hans Purin in Bludenz, die zu Beginn der 1970er-Jahre gebaute Siedlung Ruhwiesen von Rudolf Wäger in Schlins und die bald darauf konzipierte Achsiedlung von Gunter Wratzfeld, Jakob Albrecht und Eckhard Schulze-Fielitz. Dass Letztere mit ihren über 800 Wohneinheiten auf den schönen Bildern von Margherita Spiluttini präsent ist, verdrängt die Tatsache, dass sich die Anlage trotz der gehobenen Lage am Fluss und dem Bodenseeufer sowie der gut konzipierten Wohnungen zu einem Problemquartier mit sozialen Konflikten entwickelt hat. Um die Rückführung der Attraktivität musste schwer gerungen werden bzw. wird immer noch gerungen.

Gunter Wratzfeld, Jakob Albrecht, Eckhard Schulze-Fielitz, Achsiedlung, Bregenz, 1971–1982, niedriggeschossige Punkthäuser gruppieren sich um  zahlreiche Höfe.  Architekturzentrum Wien, Sammlung, Margherita Spiluttini
Gunter Wratzfeld, Jakob Albrecht, Eckhard Schulze-Fielitz, Achsiedlung, Bregenz, 1971–1982, niedriggeschossige Punkthäuser gruppieren sich um zahlreiche Höfe. Architekturzentrum Wien, Sammlung, Margherita Spiluttini

Vorarlberg sei in der Architektur einen eigenen „herausragenden“ Weg gegangen und die Architektur des Landes sei zu Recht „weltberühmt“, resümierte Angelika Fitz, Leiterin des Wiener Architekturzentrums, nichtsdestotrotz.  Die „unglaubliche Dichte“ an guter Architektur kann der Besucher zwar nicht an den ausgestellten Objekten (Schulbauten von der C4-Architektengemeinschaft, ein Kindergarten von Matthias Hein, das Vorarlberg Museum von Cukrowicz/Nachbaur, ein Wohnhaus von Helena Weber oder der Islamische Friedhof von Bernardo Bader) nachvollziehen, dem vorangestellten Begriff „Generationendialog“ wird man jedoch durch jene von der ORF-Journalistin Ingrid Bertel gestalteten filmischen Begegnungen gerecht, in denen Vertreter der älteren und jüngeren Generation miteinander in den Dialog treten. Die Situation, die dafür geschaffen wurde, ist qualitätsvoll: Robert Rüf hat Tische entworfen, an denen sich die Besucherinnen und Besucher quasi zu den Architektinnen und Architekten setzen können.

Konzepte wären vorhanden

Abgesehen vom einst mutig revitalisierten Holzbau werden dabei vereinzelt dann doch die zentralen Problematiken offenkundig. So spricht etwa auch Matthias Hein davon, dass Wohnen zur Spekulationsware verkommen ist. Konzepte gegen die Zersiedelung oder für städtebauliche Entwicklungen seien vorhanden, werden aber, wie es auch Verena Konrad im Gespräch mit den VN darstellt, von der Politik oder den Bauträgern nicht berücksichtigt. Verdichtete Bauweise entstehe als Anlegeobjekt oder als sozialer Wohnbau. Anleger, die nie in den Häusern wohnen werden, interessiere die Qualität nicht, Betreiber müssen die Rendite im Auge haben und im sozialen Wohnbau werden Wünsche der späteren Mieter sowieso kaum gehört. Verena Konrad plädiert dafür, in den Kommunen Quartiersentwicklung und städteplanerische Vorhaben konkret zu definieren, bevor Grundstücke überhaupt verbaut werden.

Die Ausstellung ist im Architekturzentrum in Wien bis 10. Februar geöffnet und kommt ab 13. März ins Vorarlberger Architekturinstitut in Dornbirn.