Filmreife Geschichte einer Sängerin

Kultur / 31.01.2020 • 11:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Narine Yeghiyan, die Vitellia am Landestheater, singt demnächst wieder an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. VN/PAULITSCH

„Dieser Beruf ist auch wie ein Kind“, sagt Narine Yeghiyan, die Vitellia in „La clemenza di Tito“ am Vorarlberger Landestheater.

Christa Dietrich

Bregenz Karriere kann man in diesem Beruf nur mit sehr viel Fleiß und Disziplin machen, dass die Voraussetzungen dafür überhaupt erkannt werden, ist im Fall von Narine Yeghiyan eine nahezu filmreife Geschichte.

Die in Armenien aufgewachsene Tochter einer Lehrerin und eines Architekten sollte, wie es oft der Fall ist, auch irgendetwas mit Musik angehen. Sie hat zehn Jahre lang Geige geübt. Der Professor war sehr streng, erzählt sie, das Spielen war anstrengend und eigentlich hatte es ihr nicht so richtig Spaß gemacht. Eines Tages besuchte sie die Staatsoper und sang, angeregt vom Ambiente, einfach so vor sich hin. Ein Bühnenbildner, der gerade mit seiner Arbeit beschäftigt war, hörte die Stimme, kam auf sie zu, fragte, ob sie schon einmal irgendwo gesungen hatte und empfahl ihr, doch einfach einmal eine bestimmte Professorin aufzusuchen. Noch am selben Tag fand zufällig ein Vorsingen bei dieser Expertin statt, Narine Yeghiyan ging mit jugendlichem Übermut hin, überzeugte und die Dinge nahmen ihren Lauf. Sie schaffte umgehend die Aufnahmeprüfung, schloss ein Studium ab, lebt nun seit acht Jahren in Deutschland und sang unter anderem an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, wo sie demnächst als Marzelline im „Fidelio“ auf der Bühne steht.

Eine steinige Begegnung

Mozart-Opern zählen selbstverständlich schon länger zu ihrem Repertoire, in der Partie der Vitellia hat sie in Braunschweig debütiert. Am Vorarlberger Landestheater, an das sie nun für die Produktion „La clemenza di Tito“ engagiert wurde, ist für sie zumindest nicht alles neu, mit dem Dirigenten Karsten Januschke hatte sie bereits gearbeitet, und zwar im Steinbruch im burgenländischen St. Margarethen. Mit „abenteuerlich, aber auch sehr schön“ beschreibt sie die Erfahrungen als Adina in Donizettis „Liebestrank“ an diesem besonderen Ort, an dem seit einigen Jahren Opernfestspiele unter freiem Himmel stattfinden.


„Auf der Bühne stehen zu dürfen, ist ein Privileg. Man spürt die Energie.“

Narine Yeghiyan, Sopranistin

„Auf der Bühne stehen zu dürfen, ist ein Privileg“, sagt sie, sie spüre immer wieder die Energie, die im günstigsten Fall zwischen Publikum und Darstellerin ins Fließen kommt. „Manchmal merke ich, dass ich beim Singen weine.“ Mittlerweile ist Narine Yeghiyan freischaffend tätig. Mit einer Familie brauche es da viel Organisationstalent. Zurzeit betreut eben der Vater die schulpflichtige Tochter, die an der Mitwirkung im Kinderchor an der Berliner Staatsoper Freude gefunden hat und ab und zu dann auch gemeinsam mit der Mutter auftritt: „Der Beruf ist auch wie ein Kind.“

Innere Kämpfe

Die Vitellia in „La clemenza di Tito“ ist die große Rächerin. In der Fassung von Regisseur Henry Arnold ist die Partie mit einer Sopranistin und einer Schauspielerin besetzt. „Am Anfang war ich sehr überrascht von der Idee, aber nun finde ich sie gut. Es gibt im Leben oft die Situation, dass man mit seiner inneren Stimme spricht, fragt, ob man sich so oder so entscheiden soll.“ Die Fassung biete die Möglichkeit, einige Aspekte oder etwa innere Kämpfe transparent zu machen. Schließlich sei Vitellia ein Mensch, der tief verletzt wurde, der sich rächen will, der gewissermaßen auch verrückt ist und Menschen für ihre Ziele perfide manipuliert. 

Nachdem sie zuletzt als Gräfin in Mozarts „Le nozze di Figaro“ debütierte, will Narine Yeghiyan das Repertoire im lyrischen Sopranfach mit Verdi weiterentwickeln. Die Desdemona in „Otello“ schwebt ihr beispielsweise vor.

Und selbstverständlich ist das Konzertfach ein zweites Standbein. Georg Friedrich Händel und Arthur Honegger sind Komponisten, mit deren Werke sie sich ebenso auseinandersetzt wie mit der Neuen Musik. Die zeitgenössische Musik biete viele Möglichkeiten, Erfahrungen zu sammeln, aus denen man schöpfen kann.

Die Premiere von „La clemenza di Tito“ findet am 31. Jänner, 19.30 Uhr, im Theater am Kornmarkt in Bregenz statt. Weitere Aufführungen bis 21. Februar: www.landestheater.org